| Belgien - Flandern | ||
(fläm. Doornik) Eine Stadt im flämischen Teil Belgiens, gelegen in der Provinz Hennegau an der Schelde.
Neben anderen mittelalterlichen Bauten erhebt sich über die 1990 gut 67.000 Einwohner zählende Stadt die romanisch-gotische Kathedrale aus dem 12./13. Jahrhundert.
Die Gegend um das von den Römern Turris Nerviorum genannte Tournai wurde im fünften Jahrhundert zum Herrschaftsgebiet des fränkischen Häuptlings Merowech, von dem das Königsgeschlecht der Merowinger stammt.
Im Jahre 448 wurde Merowech in Tournai zum König der (salischen) Franken ausgerufen. (LINCOLN, BAIGENT u. LEIGH, 226)
Nachdem Childerich I. (460 bis 483) auch die übrigen Kleinreiche der salischen Franken unterworfen hatte, anerkannte man Tournai als Hauptstadt dieses Reiches. Das änderte sich allerdings mit dem Tod Childerichs, denn als König Chlodwig Gallien erobert hatte und den Schwerpunkt seines Reiches in die Gegend zwischen Paris und Soissons verlegt hatte, geriet Tournai etwas in Randlage und verlor an Bedeutung.
Bis ins neunte Jahrhundert blieb Tournai eine Kleinstadt, doch als die Grafschaft Flandern begründet wurde, nahmen sich die Bischöfe des Landes der Stadt an und wählten den Ort zum kirchlichen Mittelpunkt Flanderns. Mit der Geistlichkeit kam auch gehobener wirtschaftlicher Bedarf und seit dem elften Jahrhundert bildete sich eine Tuchindustrie heraus und im dreizehnten Jahrhundert war Tournai ein wohlhabendes Zentrum dieses Wirtschaftszweiges in Flandern.
Parallel dazu wurde der Aufstieg Tournais dadurch begünstigt, daß einige der Bischöfe von Flandern zu den Geistesgrößen ihrer Zeit gehörten.
In diese Jahrzehnte fällt der Bau der Kathedrale von Tournai.
Die Geistlichkeit hatte sogar Hoffnungen, um Tournai ein kirchliches Fürstentum zu begründen, doch scheiterten diese Versuche am Widerstand der flandrischen Grafen sowie des Bürgertums von Tournai.
Der Webkunst schadete das jedoch nicht, denn im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert genossen Wandteppiche aus Tournai in der christlichen Welt weithin allerbesten Ruf.
1465 hielt mit dem französischen Dominikaner Nicholas Jacquier die Inquisition Einzug in Tournai. (PICKERING, 171)
1477 wurde Tournai habsburgisch, von 1667 bis 1709, 1745, 1748 und von 1794 bis 1814 war es französisch, dann niederländisch und seit 1830 gehört es zu Belgien.
Einen bedeutenden Fund machte man, als 1653 in Tournai das Grab des Merowingerkönigs Childerich I. (um 436 bis 481) entdeckt wurde. Das Childerichgrab mit seinen reichen Beigaben gilt als einer der wichtigsten Funde aus der fränkisch-merowingischen Kultur.
Zu den gefundenen Grabbeigaben gehörten nicht weniger als dreihundert aus Gold gefertigte Insektendarstellungen, welche wahrscheinlich Bienen seien, möglicherweise aber auch Zikaden. Insekten der einen oder anderen Art waren das Symboltier der Merowinger. Alle Grabfunde wurden Leopold Wilhelm von Habsburg übergeben, den seinerzeitigen Statthalter der Österreichischen Niederlande und Bruders Kaiser Ferdinands III. Später kam ein Teil des Schatzes an die Franzosen und Napoleons Ornat bei seiner Kaiserkrönung 1804 war mit den merowingischen Goldbienen geschmückt. Interessanterweise ließ Napoleon untersuchen, ob womöglich einige Merowinger den Sturz der Dynastie überlebt hätten. (LINCOLN, BAIGENT, LEIGH, 224)
In der Geologie wird nach der Stadt Tournai die dort anstehende Stufe des Unterkarbons Tournai genannt.