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 Wesen
 
 

Ei

lat. Ovum, Eizelle, in der Zoologie die weibliche Fortpflanzungszelle. Hier vornehmlich im Sinne des von einer Schale umgebenen Eis, wie es von Vögeln und Reptilien gelegt wird.

Das Ei ist Sinnbild für Fruchtbarkeit schlechthin und geheiligtes Nahrungsmittel. Wenn im Frühling die Natur zu sprießen beginnt, werden Ostereier bunt bemalt und in Sträucher gehängt. Das soll besondere Fruchtbarkeit verheißen.

Darüber hinausist das Ei auch Sinnbild der Erde insgesamt, wobei der Aufbau eines Eis mit Schale, Eihülle, Eiklar und Eigelb dem Aufbau der Erde mit Athmosphäre, Erdkruste, Erdmantel und Erdkern erstaunlich ähnlich ist.

Im Wasser von Nun formte die altägyptische Götterachtheit ein Ur-Ei, aus dem der dreimal große Thot hervortrat, der eins mit Ptah, Tanon und Chnum ist, wie er eins ist mit dem Urgeist Nun-Amun und den Urvätern und Urmüttern der Götterachtheit (COLERUS, Pythagoras, 89.

Aus dem Ei der Leda schlüpften in der griechischen Mythologie die Dioskuren und die Helena.

„Die Leser der heiligen Bücher des Orpheus kannten eine Erzählung, wonach Phorkys, Kronos und Rhea die ältesten Kinder des Okeanos und der Thetys waren, die ihrerseits von der Erde und dem Himmel oder (...) von der unteren und oberen Hälfte des Ur-Eis abstammten.” (O. KERN, Orphicorum fragmenta, 16, z. n. KERÉNYI, 39)

 

Als „philosophisches Ei” (Ovum philosophicum) bezeichnet der Alchemist allegorisch die Ausgangsmaterie materia prima, aus dem der Stein der Weisen durch „philosophisches Feuer” auszubrüten sei.
Im Ei enthalten sind das weiße Eiklar und der gelbe Dotter. Diese stehen für die Metalle Silber und Gold, welche als Anlage bereits im Ei vorhanden seien. Schale, Haut, Eiweiß und Eigelb werden auch als Kupfer, Blei, Zinn und Eisen gedeutet, wobei diese Vierheit berreits die Möglichkeit zu allem weiteren in sich berge. (BIEDERMANN, 141)

 

Aus Volksbrauch und Aberglauben

 

Eierlegen

Besonders gute Eier sollen in der Nacht zum Tag der hl. Gertrud (17. März) gelegt werden.

Im leeren Monde soll man Hühner und Gänse nicht brüten lassen, weil es da viele leere Eier im Nest hat oder die ausgebrüteten Gänsel sind blind (n. d. „Magisch-sympathetischen Hausschatz”, in: Das sechste und siebente Buch Mosis, 132)

Wer boshaft ist und erreichen möchte, daß seines Nachbarn Hühner keine Eier mehr legen, der bringe reichlich Glockenblumen in dessen Hühnerstall (WEHR, 94).

Peterstag soll man den hünern nester machen, so legen sie viel eier.” (Chemnitzer Rockenphilosophie, n. GRIMM, A. 175)

In Gernsbach im Speierschen stammt der Rat, einem Kind, wo es zuerst in ein Haus kommt, ein Ei, denn das soll ihm das Zahnen erleichtern. Allerdings heißt es auch, daß das Kind davon plauderhaft werde. (GRIMM, A. 582)

 

Eierschalen

Der Landmann verwahrt die Schale der zu Ostern geweihten Eier, um sie gegen Hagelschlag auf seine Felder zu streuen. Allerdings nicht alle, denn einige hänge man unter das Dach der Scheune, um vor Feuer sicher zu sein.

In einer Eierschale sollen Hexen auch das gefährlichste Meer befahren können.

Gelingt es einer Hexe, der Eierschalen habhaft zu werden, so kann sie Macht über die Person erlangen, welche das Ei gegessen hat. Darum zerdrücken furchtsame Menschen diese Schalen.

In der Mark sagte man: „Wenn man Eier gegessen, so muß man die Schalen zerbrechen, sonst bekömmt man das Fieber.” (KUHN u. SCHWARTZ, C. 360)

Mit Schale gegessene Eier gelten als Garanten für besondere Körperkraft.

 

Vermischtes

Hartgekochte Eier führt der achtsame Hirte beim ersten Austrieb der Herde mit, um sie dem Vieh unter die Füße zu werfen. Dadurch sollen Dämonen abgehalten werden, die Krankheiten auslösen könnten.

Ein Aberglaube aus Pforzheim (anno 1787) weiß: „wer christtag morgens ein ungesotten ei ißt, kann sehr schwer tragen.” (GRIMM, III, S. 454, A. 585)

Faule Eier hingegen warf man in den Stall des verhaßten Nachbarn, um damit dessen Kühe und deren Milch zu behexen (FRISCHBIER).

Kleine Kreuze auf Eiern schrecken Dämonen ab.

In der Johannisnacht (23. auf 24. Juni) werden Eier aufgeschlagen um daraus die Zukunft zu lesen.

Kocht eine Hexe Eier in einem Wassereimer, so soll solches Ritual anderen Menschen den Tod durch Ertrinken bringen.

Während der Zwölfnächte soll man die Hühner mit Erbsen füttern, damit sie viele Eier legen (KUHN u. SCHWARZ, C. 167).

Unglück ins Haus bringt ein Mädchen, das Eier zerwirft.

Die sorgende griechische Mutter führt ein Ei vor dem Gesicht ihres Säuglings vorbei und spricht dabei: „Mögest du leben, mein Kleiner. Mögest du alt werden, mit weißem Haar und weißem Bart.” (PICKERING, 79)

In Albanien werden Neugeborene vor dem Zugriff des Bösen Blicks geschützt, indem über ihrem Kopf ein Ei zerdrückt wird. (PICKERING, 79)

Damit das Bier während sommerlicher Hitzetage nicht sauer wird, soll man ein neugelegtes Ei in das Spundloch des Fasses hängen. Das Ei wird dabei nebst gewelkten Nußblättern eingehängt oder mit kleinen Löchern versehen und samt Lorbeerblättern, Hopfen und Gerstenkorn in ein Säcklein gegeben, das man durch das Spundloch hinabsenkt. „So wird das Bier nicht sauer, weil ein Tropfen in dem Faß ist, es sey gleich Gersten oder Waitzenbier.” (Der vollkommene Bierbrauer (1784), 158f.)