| < zurück | |
| Der Mensch und sein Körper - Zähne | |
Es werden viele Maßnahmen gegen den verbreiteten Zahnschmerz empfohlen.
Der angenehmste Zahnschmerz ist der, welcher gar nicht erst auftritt. Man beugt daher durch Zahnhygiene und vernünftige Ernährung vor, überdies rät der Volksglaube zu einer langen Reihe verschiedener Mittel.
wenn eine frau auf dem markstein des scheidewegs sitzend ihr kind stillt, bekommt es nie zahnweh (GRIMM, A. 1008).
Eine Wöchnerin soll keinesfalls Nadeln in Vorhänge stecken, da das Kind sonst böse Zähne bekomme. (Chemnitzer Rockenphilosophie, GRIMM, A. 458)
Die Chemnitzer Rockenphilosophie gibt folgende Mahnung wieder: während zu grabe geläutet wird, esse man nicht, sonst thun einem die zähne weh. (GRIMM, A. 39)
Einen verlorenen Zahn muß man über den Kopf hinter sich werfen, riet man in Stendal. Denn dann wachse ein neuer oder man bekomme keine Zahnschmerzen mehr. (KUHN u. SCHWARTZ, C. 453)
Vorbeugend für das ganze Jahr, so rät der Aberglaube, soll strenges Fasten am Gründonnerstag helfen.
Am Karfreitag soll man vor Sonnenaufgang kreuzweise die Nägel von Händen und Füßen schneiden und sie zu einem Kreuzweg tragen. Das beuge dauerhaft Zahnschmerzen vor. (Das sechste und siebente Buch Mosis, 134)
wer den storch zu allererst sieht einkehren und heißt ihn willkommen, dem tut das jahr kein zahn weh (GRIMM, A. 1003).
Ähnlich heißt es in der Chemnitzer Rockenphilosophie: wer den ankommenden storch grüßt, hat kein zahnweh. (GRIMM, A. 348)
freitags nägel an händen und füßen geschnitten hilft wider zahnweh. (GRIMM, A. 340)
Genaueres weiß eine Überlieferung aus Berlin: Wenn man keine Zahnschmerzen haben will, so muß man an einem Freitag vom rechten Fuß und linker Hand die Nägel abschneiden; am nächsten Freitag ebenso vom linken Fuß und rechter Hand, und am dritten Freitag wie am ersten. Ein stiller Freitag ist dazu besonders gut. (KUHN u. SCHWARTZ, C. 455)
Allgemein empfohlene und zur Linderung des Schmerzes wirksame Sofortmaßnahme ist das Kauen von Gewürznelken oder Gurkenkraut. Zahnwehholz nennt man den Seidelbast.
In Swinemünde riet man bei Zahnschmerzen zu diesem Segen:
Du sollst nicht weh thun,
du sollst nicht schellen,
du sollst nicht schwellen,
du sollst nicht ritten,
du sollst nicht splitten,
du sollst nicht weh thun.
I. N. G. u. s. w.
(KUHN u. SCHWARTZ, C. 326)
Oder man begibt sich, so ein Rat aus Friedrichshagen bei Köpenick, zu einem Baum, am besten zu einem Birnbaum. Den klage man an, indem man ihn anfaßt, dreimal rechts umwandelt und sagt:
Birnbaum, ich klage dir,
Drei Würmer, die stechen mir,
der eine ist grau,
der andere ist blau,
der dritte ist roth,
ich wollte wünschen, sie wären alle drei todt.
I. N. G. u. s. w.
(KUHN u. SCHWARTZ, C. 328)
Bei akutem Zahnschmerz begibt sich mancher Abergläubische auf den Friedhof und zerkaut drei Erbsen, die er anschließend in ein offenes Grab spuckt. Auch sollen in den Nacken gelegte Umschläge mit geriebenem Meerrettich helfen. Wirksam soll auch ein als Schal getrages schwarzes Seidentuch sein, mit dem zuvor ein Toter berührt wurde.
Der Magisch-sympathetische Hausschatz rät gegen plagenden Zahnschmerz, morgens vor Sonnenaufgang unberedt, also ohne über das Vorhaben gesprochen zu haben, zu einem schmalen Bachlauf zu gehen. Dort stelle man sich mit gespreizten Beinen über den Wasserlauf, schöpfe — rücklings zum Wasser sich herabbiegend — einen Mund voll Wasser in den Mund, speie das Naß rücklings über sich hinweg und nehme dieses ingesamt dreimal vor, dabei die Namen der drei Höchsten aussprechend. (Das sechste und siebente Buch Mosis, 39)
Überwindet man eigenes Grauen, ethische Bedenken und die Grenzen des Strafrechts, so gehe man um Mitternacht auf einen Friedhof und beschaffe sich den Zahn eines Totenschädels. Mit diesem Zahn soll man den eigenen, schmerzenden Zahn reiben. (ebd.)
Weniger robusten Umgang mit Geschmack und Sitte erfordert dagegen der an gleicher Stelle gegebene Rat, bei Zahnschmerzen von niemandem beobachtet einen Stein vom Wegesrand aufzunehmen, dreimal auf dessen Unterseite zu spucken und den Stein an seinen Platz zurückzulegen. (ebd.) Oder man nimmt einen ungewollt gefundenen Tierzahn und trägt ihn auf Seite des schmerzenden Zahns möglichst nah am Körper. (ebd., 52)
Ein Bündel Löwenzahnblätter, bis zur vollständigen Trocknung um den Hals gehängt, soll Zahnschmerzen abhelfen. (WEHR, 222)
Christliche Schutzpatrone gegen Zahnschmerz sind Apollonia, Blasius, Christopher, Ida von Nivelles, Medardus und Romedius von Tavon.
In der Homöopathie wird gegen Zahnschmerz eine Verdünnung mit Bilsenkraut verordnet.