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 Pflanzenwelt
 
 

Lein

Linaceae (Leingewächse)

Linum, lat. Lein, Flachs; hier der in Kultur gebaute Saat-Lein oder Flachs sowie der Abführflachs (s. u.).

Die Kunst, aus Pflanzenfasern Stoffe zu spinnen und Textilien zu weben, begleitet den Menschen seit wenigstens zwei Jahrzehntausenden. Im alten Ägypten, wo die Isis als Göttin des Lein verehrt wurde, nannte man Leinen „gewebtes Mondlicht” und webte daraus Stoffe für die Tracht der Priester ebenso wie die Mullbinden der Mumien.

 

Saat-Lein, Flachs

Linum usitatissimum L.

auch Lein, Haar, Flas, Flachshere, Glix; einzelne Sorten heißen Drescherflachs, Dreschlein, Springlein, Klanglein, Klenglein, Klengel, Schließlein, Leinsaat, Stempenhaar; die Früchte nennt man Flachsbollen (nach LOSCH, 74)

Eine ursprünglich aus dem östlichen Mittelmeerraum stammende uralte, seit wenigstens der Jungsteinzeit in Mitteleuropa angebaute Kulturpflanze, die zu Nahrungszwecken ebenso eingesät wird wie zur Gewinnung von Fasern für die Weberei (vgl. „Leinwand”, Familienname „Leineweber”). Seine Faserigkeit verdankt der Flachs seinen Zellen der Bastfasern, die rund eintausendmal länger sind als gewöhnliche Zellen (DÜLL u. KUTZELNIGG, 255).

In Deutschland wurde besonders die Frau Holle bzw. Frau Hulla mit dem Flachs in Verbindung gebracht:
Aus Phulsdorn bei Apolda ist die Sage mitgeteilt, ein Mann sei spät abends über einen Berg gekommen, da habe er Frau Hulle beim Flachsknotten abstreifen gesehen. Gegen seinen Abendgruß bot ihm Frau Holle ihre Flachsknotten an, er aber lehnte ab, man habe selber genug davon. Ein Stück weiter des Weges fing es an, ihm gewaltig im Schuh zu drücken. Er sah nach und entdeckte darin zwei Goldklumpen — das waren welche von Frau Hulles Flachsknotten, die ihm in den Schuh geraten waren. (KUHN u. SCHWARTZ, 245,1) Ähnlich heißt es von zwei Kindern, die auf dem Kyffhäuser Frau Hulle mit ihrem Flachs dort sitzen und spinnen sahen. Die Kinder bekommen jeder ihre Taschen voll mit Flachsknotten. Die meisten warfen ihre auf dem Heimweg fort, nur eines behielt seine und hatte daheim seine Taschen voll Gold. (KUHN u. SCHWARTZ, 245,2)

 

Zu medizinischen Zwecken wird im August der Samen (Semen Lini) gesammelt, woraus man Verordnungen wie Abkochung (Decoctum Lini seminis, ein Teil Samen auf 25 Teile heißes Wasser), Kaltauszug, Leinkuchen (Placentae Seminis Lini) und Öl (Oleum Lini) bereitet. Einen medizinisch Mucilago Lini seminis genannten Leinsamenschleim gewinnt man durch Übergießen von einem Teil ganzen Samen mit 50 Teilen heißem Wasser, das binnen einer halben Stunde den Schleim aus den in Wasser schleimig aufquellenden Samenschalen zieht (LOSCH, 74).

Solche Verordnungen empfiehlt die Kräutermedizin als erweichendes, krampflösendes Mittel, das Schmerzen stillt und die Reizbarkeit dämpft.

Ein gebräuchliches Mittel zur Unterstützung des Darms wider die Plage der Verstopfung ist der Leinsamen. Aus etwa ein bis zwei Löffeln zerstoßenen Samen auf eine Tasse Wasser bereitet man einen Absud, der vor den Hauptmahlzeiten getrunken wird.

Das Leinöl ist Grundsubstanz gesundheitlich unbedenklicher Malerfarben, kalt gepreßt dient es der Vorbeugung der Arteriosklerose (DÜLL u. KUTZELNIGG, 256).

 

Brauchtum, Aberglauben und Bauernregeln

Rund um die wichtige Flachsernte gibt es allerlei Brauchtum, siehe z. B. Flachskröte. Ludwig Bechstein befaßte sich in seiner Alpensage „Der Riese Wuth” (1856) ausführlich mit der germanischen Flachsgöttin Hulda und ihrem Gefolge.

„wenn die weiber auf lichtmesse bei sonnenschein tanzen, so geräth ihnen der flachs dasselbe jahr.” (GRIMM, A. 78)

„Wer an Christian sät Lein,
bringt schönen Flachs in seinen Schrein.”

Günstig soll die Aussaat am Gründonnerstag oder am Karfreitag sein. (Das sechste und siebente Buch Mosis, 137)

„wer lein säen läßt, gebe dem sämann ein trinkgeld, sonst verdirbt der flachs.” (GRIMM, A. 96)

„wer lein säet, soll auf dem acker, den er besäen will, sich dreimal auf den sack mit dem lein setzen und wieder aufstehen, das ist gut” (ebd. A. 412)

Vor der Reform des Heiligenkalenders durch das zweite Vatikanische Konzil war der 22. Mai der Tag der hl. Helena. Weil die Heilige langes Haar hatte, wurde an diesem Tag der Flachs gesät, damit dessen Fasern möglichst lang würden. (BÄCHTHOLD-STÄUBLI, III,1702)

In Liepe im Havelland sagte man: „beim Flachssäen muß man Stäbe in die Erde stecken, so hoch die sind, wird der Flachs wachsen.” In Rauen hieß es: „springt die Wirthin am Fastelabend beim Tanze recht hoch, so wird auch ihr Flachs recht hoch” oder auch: „beim Flachssäen muß man Eier essen und die Schalen auf’s Feld werfen, so wird der Flachs recht hoch.” (KUHN u. SCHWARTZ, A. 353, 354, 355)

„Damit der Flachs hoch werde, umtanzten im Saalfeldischen nachts die Mädchen, zogen sich nackt aus und wälzten sich darin.” (FREIMARK, Okkultismus und Sexualität, Leipzig, 1910, S. 389, n. SCHRÖDTER) SCHRÖDTER sieht darin eine Anwendung des Vitalmagnetismus bzw. die Übertragung von Körperelektrizität und Lebenskraft. (Pflanzengeheimnisse, 165)

Es heißt: „so lange eiszapfen winters vom dache hängen, so lange ist künftiges jahr der flachs am rocken.” (GRIMM, A. 1042)

Dringend wird vom Flachskauf am St.-Laurentius-Tag (10. August) gewarnt: „flachs auf Laurentii gekauft, verbrennt” (GRIMM, A. 1100)

In der „Chemnitzer Rockenphilosophie” „riet man wer kein glücks zum flachs hat, stehle ein wenig lein und menge ihn unter seinen.” (GRIMM, A. 404)

„In der Mark Brandenburg sagte man, wenn jemand an Schwindel leidet, solle er sich nackt ausziehen und nach Sonnenuntergang dreimal um ein Flachsfeld herumlaufen. Auf diese Weise werde der Flachs das Schwindelgefühl bekommen und man selbst werde davon befreit.” (FRAZER, 793)

In Heteborn meinte man, wenn der Flachs zu Bartholmäus (24. August) nicht eingebracht sei, komme Frau Harke. (KUHN u. SCHWARTZ, A. 114)

„Wenn die Mädchen am Sonntag zum Abendmahl gegangen sind, so gehen sie Abends nicht gern Flachs brechen, denn wenn sie dabei eine Wunde am Finger bekämen, so würden sie das Abendmahl umsonst genossen haben.” (aus Rauen, KUHN u. SCHWARTZ, C. 358)

Eine von GRIMM aus dem Saalfeldischen leider unvollständig mitgeteilte Besprechung lautet: „flachs du sollst nicht eher blüh, bis du mir gehst an die knie, flachs du sollst nicht eher knotte, bis du mir gehst an ......, flachs du sollst nicht eher gehle, bis du mir gehst an die kehle.” In Pforzheim war es auch Sitte, daß die Mädchen Johannisnacht um den Flachs tanzten, sich nackt auszogen und in ihm wälzten. (Dt. Myth., A. 519) Wie auch andernorts hieß es in Pforzheim: „beim leinsäen werfe man das tuch, worin der same lag, hoch in die luft. desto höher wird der flachs.” (A. 533)

 

Abführflachs

Linum catharticum L.

auch Kleiner Flachs, Kleiner Lein, Laxierflachs, Purgierlein, Wiesenflachs, Wiesenlein
lat. catharticus, „abführend”

Ein einjähriges Kraut mit fadendünnen, oft gegabeltem Stengel mit kleinen Blättern und ebensokleinen weißen Blüten, die von Mai bis August erscheinen.

Gesammelt werden die blühenden Pflanzen von Juni bis August. Das medizinisch Herba Lini cathartici genannte Kraut wird getrocknet und zu Pulver zermahlen, wovon man einen mit Wasser oder Wein einen Aufguß bereitet.

Diese Verordnung — man rechnet 2 gr des Pulvers oder im Aufguß 15 gr der getrockneten Pflanze — gilt kräuterheilkundlich als Mittel mit abführender (=purgierender, laxierender) Wirkung, das auch schlechte Säfte sowie Würmer verteibt (nach LOSCH, 74).

Bei hoher Dosierung ist der Abführflachs stark giftig! (DÜLL u. KUTZELNIGG, 256)

 

Das Wort „flachsen” für Scherz, Neckerei, Spott treiben kommt nicht von Flachs, sondern ist eine Zusammenziehung des Wortes „filaxen” (aufziehen, n. KRÜGER-LORENZEN, 96).