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 Pflanzenwelt
 
 

Holunder

Sambucus, Capriofoliaceae (Geißblattgewächse)
Schwarzer Holunder Sambucus nigra und Zwergholunder o. Attich Sambucus ebula s. u.

Ein winterkahler Baum oder Strauch mit dunklen Beeren in reicher Traube, bis zu 9 m Höhe. Alle Teile der Pflanze sind in rohem Zustand giftig. Enthaltene harzartige Stoffe wirken Brechreiz erregend und abführend. Der Name Holunder bezeugt die Verehrung des Strauches bei den Germanen, bei denen er der Frau Holle geweiht war, der Holunder (ahd. Holuntar „Baum der Frau Holle”) gilt als ihr Wohnort. Diese Verbindung zur huldvollen Erdgöttin machte die Pflanze christlichen Missionaren höchst verdächtig.

„Nach dem Glauben der alten Preußen wohnt unter dem Holunder der Erdengott Puschkaitis, dem man Brot, Bier und andere Speisen opferte.” (MARZELL i. Handwörterbuch, 262)

Im christlich geprägten Aberglauben steht der Holunder in schlechtem Ruf. Nicht nur, daß sich der Verräter Judas Ischarioth an einem Holunder erhängt haben soll, auch das Kreuz Jesu war nach mancher Legende aus dem Holz dieses Strauches gefertigt. Dementsprechend wird der Holunder gern von verschiedenen Geistern und Dämonen bewohnt. Als Feuerholz ist der Holunder, der nur dort wächst, wo einmal menschliches Blut vergossen wurde, wenig geeignet, denn der entstehende Rauch locke den Teufel an, so daß der durch den Kamin in die Stube fährt.

Aus diesem Teufelsholz, das beim Zwergholunder (s. u.) rötlich verfärbt ist, bestehen die Zauberstäbe der Hexen oder Amulette gegen deren Wirken. Gegen Hexen hilft auch, am 30. April einen Holunderzweig zu schneiden und ihn über der Haustür zu befestigen. Ins Haus gebracht zieht er den Tod an, mit einem Holunderzweig geschlagene Kinder stellen das Wachstum ein. Ein Tropfen Holundersaft in das Auge geträufelt ermöglicht es, das Wirken von Hexen wahrzunehmen. Diesen wiederum ist der Holunder für allerlei Gebräu wertvolle Zutat (PICKERING, 51f.).

Andererseits wurde der Holunder geschätzt, weil er, gepflanzt vor dem Stall, das Vieh vor Zauberei und damit Krankheit schützen soll, auf dem Felde dienen hierzu gekreuzte Holunderzweige. Als Medizin soll er, auf der Haut getragen, gegen Rheuma wirken. Bei Zahnschmerz soll helfen, auf ein Stück Holunderholz zu beißen, das ein Blitz getroffen hatte. Dabei hat der Patient seine Arme auf den Rücken zu legen.
Auch in der Kräutermedizin genießt er hohe Wertschätzung.

Besonders wirksam sollen die Holunderblüten laut „Magisch-sympathetischen Hausschatz sein, wenn sie am Johannistag gepflückt werden. (in: Sechstes und siebentes Buch Mosis, 135)

Auch vor Verhexung soll der Holunder schützen: „hollunder vor die stallthür gepflanzt, bewahrt das vieh vor zauberei.” (Chemnitzer Rockenphilosophie, GRIMM, A. 169)

Manchmal wächst ein Holunder epiphytisch auf einer Weide, sein Holz gilt dann als besonders zauberkräftig. So sollen Ruten einer derartigen „Überpflanze”, geschnitten zwischen Mariä Himmelfahrt und Mariä Geburt bei Neumond zwischen 11 und 12 mittags geschnitten, gegen Epilepsie helfen. Harnt man auf ein ausgehöhltes Zweigstück desselben, so wehre das durch Nestelknüpfen gewirkten Zauber ab. (MARZELL i. Handwörterbuch, IV,271f.)

 

Schwarzer Holunder

Sambucus nigra L.

Namen auch Allhorn, Elhorn, Eller, Flieder, Flidder, Flier, Fleeder, Fledder, Fleer, Haler, Hitschel, Holder, Holderbusch, Holderstock, Holer, Holler, Keilken, Kelken, Kisseke, Pisseke, Quebeke, Schibike, Schebike, Schetschke, Schirbike, Schotschke, Zibke (nach LOSCH, 151)

Achtung: Auch wenn Holunderbeeren volkstümlich mit Fliederbeeren vermengt werden — Holunder hat nur wenig mit Flieder zu tun, beide Pflanzen unterscheidet z. B. die Bekömmlichkeit für den Menschen!

Gesammelt werden von Juni bis November Rinde, Blätter, Blüten (Flores Sambuci) und Beeren (früher als Baccae Sambuci nigrae offizinell), woraus man Aufguß, Auszug, Essenz, Honig, Rindentinktur, Saft, Sirup, Wasser und Wein bereitet.

Solche Verordnungen empfiehlt die Kräutermedizin als lösende, blutreinigende Mittel, die auch gegen Entzündungen wirken.
Den Beerensaft empfiehlt man zur Förderung des Harndrangs (vgl. Name „Pisseke”), auch bei Husten und Halsweh sowie vorbeugend (und heiß getrunken) gegen Erkältungen.
Die Mittelrinde der Wurzel gilt als gutes Abführmittel. Auch in Milch gesottene Blätter wirken abführend, sie lindern als Umschlag oder Pflaster aufgelegt bei Hämorrhoiden und Brandwunden. Homöopathisch wird Sambucus nigra zur Linderung übermäßigen nächtlichen Schwitzens, Wechselfieber und Asthma verordnet (nach LOSCH, 151), auch als Schnupfenmittel bei kleinkindern.
Den Tee aus den Holunderblüten empfiehlt man auch zur Stärkung von Nieren, Magen und Darm sowie des Immunsystems, zur Milderung von Hautunreinheiten und üblem Körpergeruch und bei Bronchialkatarrh und Entzündungen der Nerven.

Ein „Getränk der Langlebigen” bereitet man aus einem Eßlöffel der getrockneten Beeren, die in einem halben Liter Wasser aufgegossen werden. Man seiht ab, fügt zwei Eßlöffel hinzu und serviert den noch heißen Trank (KOSCHTSCHEJEW, 196).

Gärtnerisch werden Holunderäste zur Erziehung von Gehölzen verwendet, indem man ein Stück Ast so zwischen das Gezweig des zu behandelnden Gehölzes klemmt, daß es in die gewünschte Form wächst. Der Vorteil des Holunderholzes gegenüber anderen Ästen ist sein weiches Mark, an der die Rinde der zu erziehenden Pflanze nur wenig scheuert.

 

Zwergholunder
N
giftig!

Sambucus ebulus L.

auch Attich, Acken, Ackerholder, Akten, Adach, Aden, Archen, Buchholder, Feldholder, Hirschschwanz, Hirschholder, Krautholder, Mauerkraut, Niederholder, Niederkraut, Otsch, Ottich (gesammelt nach LOSCH, 152)

Eine einen halben bis eineinhalb Meter Höhe erreichende Staude mit ausdauerndem, kriechendem Wurzelstock, Blüten in Juli und August, weiß mit Anflug von Purpur.

Gesammelt werden die schwarzen Früchte zu ihrer Reife in September und Oktober, im Spätherbst die Wurzeln, woraus man Abkochung, Essenz, Saft und Wurzelpulver bereitet.

Früher waren vom Zwergholunder die Beeren als Baccae Ebuli, das Kraut als Herba Ebuli, Wurzelrinde als Radix Ebuli und die Samen als Semina Ebuli offizinell, d. h. im medizinischen Einsatz. Ein aus den Beeren bereitetes Mus heißt Roob Ebuli. Alle diese Zubereitungen wirken kräutermedizinisch abführend, Harn- und Schweißtreibend. Pfarrer KNEIPP, der die treibende Kraft des Attich betonte, empfahl gegen Wassersucht täglich zwei Tassen eines Tees zu trinken, der aus zwei Messerspitzen der Wurzel bereitet wird (nach LOSCH, 152).

Als Gurgelmittel bei geschwollenem Hals wurde ein Absud der Blätter verwendet, der schmerzenden Milz sollen aufgelegte warme Gipfel des Attichkrauts wohltun.

Eine Brühe von Blättern und Stengeln der Pflanze verwendet man im Garten gegen Läuse, Wanzen und Mäuse (ebd.).

Eine andere Verwendung ist die Färberei. Aus den Früchten des Zwergholunders läßt sich ein hellblauer Farbstoff zur Textilfärbung gewinnen, der auch zum Färben von Wein benutzt wurde.
Es sei aber nochmals auf die Giftigkeit hingewiesen, die auch nach Abkochung anhält (DÜLL & KUTZELNIGG, 152).