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 Pflanzenwelt
 
 

Die Linde

„Unter der linden
an der heide
da unser zweier bette was,
da muget ir vinden
schone beide
gebrochen bluomen unde gras.
Vor dem walde in einem tal,
tandaradei!
schone sanc diu nachtegall.”
Walther von der Vogelweide, in Die Ernte, 27

 

In Mitteleuropa sind vier von insgesamt rund 400 Arten der Lindengewächse (Tiliaceae) heimisch. Am bekanntesten sind Winterlinde (Tilia cordata MILL.) und Sommerlinde (Tilia platyphyllos SCOP. (auch T. grandifolia).

Man unterscheidet die Sommerlinde von der Winderlinde anhand des Blattstengels. Dieser ist bei der Winterlinde kahl, bei der Sommerlinde oft behaart. Gern angepflanzt wird die aus Südeuropa stammende Silberlinde, T. tomentosa MOENCH. Ihre Blätter sind oberseits grün, unterseits weiß oder hellgrau.

Die Linde (von indogerm. lento-s, „biegsam”), der „linde Baum der Liebe” war und ist ein beliebter Solitär in Dörfern und Kleinstädten. Unter dem Dach ihrer weiten Krone sammelt(e) man sich zu Feier und Gericht.

Linde
Lindenblüte
Linde und Blüte. Juni 2003, Rosengarten/Elmshorn.
Aufn. ZOMPRO
 
 
Wie kaum ein anderer Baum legt die Linde den Vergleich mit der süßen Seite der Liebe nahe. Ihre Blätter sind weich und herzförmig, im Sommer erfüllen zahlreiche Bienen die Umgebung der Linde mit ihrem Summen, wenn sie in den unscheinbaren, aber angenehm nach Honig duftenden Blüten Nektar sammeln.

Die Linde galt den antiken Griechen als Baum der Aphrodite, den Germanen als heiliger Baum der Liebes- und Glücksgöttin Freya. Viele Linden waren als Freya-Linden bevorzugte Opferplätze. Nach der Christianisierung wurden sie als Maria-Linden Stätten der Gottesmutter Maria und durften - anders als die dem Donar geweihten Eichen - dank dieser Umwidmung stehenbleiben.
Wie die Göttin Freya „die Liebliche” war, so ging man wohl davon aus, daß die angenehme Ausstrahlung der Linde der Wahrheitsfindung förderlich ist. Denn unter der Linde hielten die Germanen ihre Thingversammlungen ab FISCHER-RIZZI, 137).

Das Schicksal des Helden Siegfried ist besonders mit der Linde verwoben. Unter einer Linde gelang ihm die Überwindung des Drachen Fafnir. Als er danach im Blut des Fafnir badete und dadurch seine Haut unverwundbar wurde, blieb einzig eine Stelle zwischen seinen Schulterblättern unbenetzt. Hierhin setzte später Hagen den tödlichen Speer, mit dem er Siegfried — unter einer Linde — ermordete.

Der Begriff Lindwurm für den ungeflügelten Drachen entstammt der gleichen Wurzel lint, biegsam, wie der Name der Linde - wie dieser Baum weich und biegsam ist, darf man sich den Lindwurm als ein schlangenhaft wendiges Untier vorstellen FISCHER-RIZZI, 137).

 

Lopt wurde von einem Frauenherzen schwanger, das vom Holz der Linde halbgeröstet worden war, und gebar Unholde (Edda, Völuspa in spamma, 11).

Der Zwerg Laurin raubte unter einer Linde die Schwester des Dietrich von Bern.

Unter einer Linde trifft König Ortnit seinen schlafenden Vater, den Zwergenkönig Alberich. Unter derselben Linde fällt Ortnit später in tiefen Schlaf und wird von einem Lindwurm getötet.

 

Die griechische Sage berichtet mehrfach von Verwandlungen in eine Linde. Der Philyra, Mutter des Kentauren Chiron, geschah dies und auch der Baucis, der Gattin des Philemon.

 

Wie in die Buche soll auch in die Linde selten der Blitz einschlagen, weshalb empfohlen wird, sich bei Gewitter unter diesen Baum zu stellen, während die Eiche gemieden werden sollte.

Um das Haus gepflanzte Linden sollen das Anwesen vor dem Einfluß schädlicher Mächte, beispielsweise Hexen, schützen. In ähnliche Richtung geht der Glaube, Stöcke aus Lindenholz seien zur Abwehr des Teufels geeignet.

Wie eng verwoben die Hauslinde mit dem Leben der Hausbewohner ist, zeigt eine Geschichte über die schwedische Familie Linné, der der bekannte Naturforscher entstammte:

„In Lindegard in Schweden stand eine große, dreistämmige Linde, die der Familienbaum dreier Familien war: Linnaeus (Linne), Lindelius und Tiliander. Alle drei Familien hatten sich nach der Linde benannt.
Als die Familie Lindelius als erste ausstarb, vertrocknete einer der Hauptäste. Nach dem Tod der Tochter des Botanikers hörte der zweite Ast auf, Blätter zu tragen. Als dann die letzte der Familie ausstarb, war auch die Kraft des Baumes erschöpft. Er starb ab.”
(W. Mannhardt, zit. n. FISCHER-RIZZI, 138).

Das Holz der Linde ist recht weich und gut zu bearbeiten. Heiligenbilder werden besonders gern aus diesem Werkstoff geschnitzt. Man nennt das Lindenholz daher auch Lignum sanctum, „Heiligenholz”.

 

Linde in der Medizin

Wie bei diesem linden Baum zu erwarten, liefert die Linde wertvollen Rohstoff bei der Krankenheilung. Empfohlen wird der Tee aus Lindenblüten bei Fieber und Erkältungskrankheiten, zur Lösung des Krampfes und gegen Entzündungen.

Im Juni sammelt man die Blüten, woraus Aufguß, Essenz und Honig bereitet werden.

Kräutermedizinisch werden derartige Verordnungen gegen Schmerzen, als erweichendes, zusammenziehendes und blutstillendes Mittel eingesetzt.

Der Tee aus Lindenblüten soll besonders Hustenreiz lindern, den Appetit anregen, beruhigen und den Schweiß treiben. Er gilt als Mittel der Wahl bei Erkältungen.

 

Die Linde soll besonders auf die durch unterirdische Wasseradern hervorgerufenen Erdstrahlen reagieren und über Wasseradern nur mangelhaft gedeihen (GRÜN, 170).

Linde und Buchs sollen einander im Wachstum hemmen. (SCHRÖDTER, Pflanzengeheimnisse, 17)