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 Pflanzenwelt
 
 

Gemeine Wegwarte, Zichorie

Cichorium intybus L.
Asteraceae, Korblütler

Namen auch Hansl beim Weg (Österreich), Hindeg, Hindlauf, Hindläufte, Hindluft, Hundsläufte, Irenhart, verfluchte Jungfer, Kattenworz, Rauhärig, Sonnenbraut, Sonnendraht, Sonnenwedel, Sonnenwendel (in Thüringen), Sonnenwirbel, Verfluchte Jungfer, Wandelistengel, Wasserwart, Wegeleuchte (Nordböhmen), Weglueg (Schweiz), Wegluge, Wegweise und Wendel. Die gebauten Sorten nennt man Zichorie, Zigore, Zichurie, Zuckerei, in Österreich auch Zigeunerblume (nach LOSCH, 169, SIEG, 97f. u. a.).

Die Wegwarte ist eine von Juli bis Oktober blühende mehrjährige Pflanze trockener Standorte, besonders der Wegränder (siehe Name). Die sich aus den jeweils nur höchstens einen Tag meist hellblau, seltener rötlich oder weiß blühenden Blüten entwickelnden Früchte reifen von August bis Oktober (DÜLL u. KUTZELNIGG, 125).
Die Wegwarte kann als Sonnenuhr dienen. Im gemäßigten Europa öffnet sie ihre Blüten regelmäßig um sechs Uhr, um sie gegen elf Uhr wieder zu schließen.

Einer christlichen Legende zufolge entstand die Wegwarte, als einmal Jesus, noch vor seiner Wirkungszeit und sehr arm, an einem Haus vorüberkam, der Bedürftige aber von einem Mägdlein schnöde abgewiesen wurde, da diese lieber nach ihrem Bräutigam Ausschau hielt. Als der aber kam, fand er statt ihrer nur jene hartstengelige Blume. Diese Verwandlung wird andauern, wie es heißt, bis Jesus dereinst zur Erde zurückkommen wird. Darum wird dieses Kraut in Schlesien auch Armesünderblume (SIEG, 97) oder Verfluchte Jungfer genannt.
Nach anderer Vorstellung sind alle Wegwarten verwunschene Menschen, die seltenen weißen Blüten sind dabei gute, die häufigen blauen Blüten schlechte Menschen gewesen (ebd., 98)

Agrippa von Nettesheim ordnete die Zichorie, deren Blätter sich nach Norden drehen sollen, dem „achten Gestirn” zu, womit er den Schwanz des Sternbilds Großer Bär meinte. Das sei nach SCHRÖDTER nicht völlig abwegig, „da die Verlängerung einer durch die beiden vorderen Sterne des Leibes desselben gelegten geraden Linie führt zu dem hellsten Stern des Kleinen Bären (Ursa minor), dem Polarstern, welcher die Nordrichtung weist.” Außer der Zichorie gelten neben anderen der Wilde Lattich oder das Pfeilkraut als derartige, nach den Himmelsrichtungen wachsende Kompass-Pflanzen. (SCHRÖDTER, 53).

Die Wurzel der Zichorie wird geröstet als Kaffee-Ersatz verwendet („Blümchenkaffee”, „Muggefuck”, von frz. mocca faux), die im Winter aus den geernteten Wurzeln getriebenen zarten Blätter als Chikorée-Salat. Die Pflanze enthält große Mengen (bis zu 20%) Inulin. (DÜLL u. KUTZELNIGG, 127)

Gesammelt wird das Kraut von Juli bis November, die Wurzel, die als Radix Cichorii Aufnahme in den Katalog offizineller (medizinisch verwendeter) Pflanzen fand auch schon im zeitigen Frühjahr. Sie gleich soll nach dem Sammeln getrocknet werden.
Verarbeitet wird solches Sammelgut zu Abkochung, Absud, Essenz, Saft und Sirup.

Solche Verordnungen empfiehlt die Kräutermedizin bei Krankheiten von Galle, Leber und Magen, außerdem bei Gelbsucht, Rotlauf, Fieber, zur Anregung des Appetits und zur Reinigung bei der Frühjahrskur und als Abführmittel.

Zu letzterem Zweck wird der Saft oder der Sirup besonders kleinen Kindern gegeben. Für eine reinigende Frühjahrskur empfiehlt Fr. LOSCH einen Aufguß mit 15 Gramm Blättern je Liter Wasser, für einen Absud je Liter 15 bis 30 Gramm Wurzeln (Kräuterbuch, 169).

Pf. KNEIPP empfahl Abkochung oder Saft zur Reinigung der Nieren (n. SIEG, Gottessegen der Kräuter 1939, 100)

Einen Zichorienkaffee gewinnt man aus den Wurzeln, indem man diese wäscht, an der Luft trocknet, im Ofen braun röstet und in der Kaffeemühle wie den echten Kaffee zermahlt (n. KOSCHTSCHEJEW, 179). Solches wurde von Friedrich d. Gr. von Preußen während der napoleonischen Kontinentalsperre besonders gefördert, um das Geld für importierten Kaffee zu sparen (SIEG, 100).

Die Wegwarte dient auch zum Liebeszauber. Dazu soll man am Tag des Heiligen Petrus (29. Juni) mit einem Hirschgeweih ausgehen und mit diesem eine Wegwarte ausgraben. Wen man dann mit diesem Kraut berührt, der sei einem in Liebe zugetan. Nebenbei schütze solches Kraut auch vor allerlei Gefahr, wer im Schlafe gefesselt wird, dem zerreißt das Kraut das Seil (SIEG, 97).
Auch vor Untreue soll die Wegwarte schützen oder auch die verlorene Liebe zurückgewinnen helfen — allerdings nur die zerstoßene Wurzel der weiß blühenden Form.

Am Tag des Heiligen Jakob (25. Juli) geht der zaubernde Waidmann mit einem Goldstück hinaus und gräbt damit das Kräutlein aus. Solange er dessen Wurzel bei sich trägt, wird sein Schuß nicht fehlen; sogar die Unsichtbarkeit soll dergestalt erreichbar sein (ebd.).

Andere Zauberkraft soll die Wegwarte zum Wiederfinden verlorener Gegenstände entfalten. „Wan einer etwas verloren hat, so soll er nehmen Wegwart, soll dasselbige in die Schlaffhauben thun, die Nacht darauff schlafen, so treumet ihm die ganze Nacht von dem, der es gethan, du mußt aber das Kraut morgens frühe vor der Sonne Auffgang holen.” (aus einem Arzneibuch, 17. h., zit. n. ARENS, 123).
Die Wurzel der Wegwarte soll auch den Träger der Wurzel vor Hieben und Stichen schützen — auch hier wird nur der weißen Form diese Kraft zugemessen.

Wer bestohlen wurde, soll sich die Wegwarte als „Inkubationsmittel” unters Kopfkissen legen. Im Traum erkenne er dann den Dieb. (SCHRÖDTER, 131)

Die Wegwarte gilt als Kompaßpflanze, welche ihre Blätter und Blüten nach Norden dreht. AGRIPPA von NETTESHEIM ordnete sie daher dem Schwanz des Großen Bären zu. (I; 158, n. SCHRÖDTER, 29)

 

Ganz ähnlich der vorgenannten Art ist Cichorium endivium L., die Endivie, die ebenfalls als Salatpflanze kultiviert wird (DÜLL u. KUTZELNIGG, 125).