| < zurück | |
| Tierwelt | |
Oryctolagus cuniculus
(Wildkaninchen, Karnickel) Ein vermehrungsfreudiges Tier, das in Mittel- und Westeuropa heimisch ist. Das gesellig in Kolonien lebende Kaninchen gräbt tiefe Gänge, in die es sich bei Gefahr zurückziehen kann und in denen es auch seine Jungen aufzieht. Von März bis September werden vier bis sechsmal anfangs blinde, nesthockende Junge geworfen, die schon nach acht bis zehn Monaten geschlechtsreif sind.
Das männliche Kaninchen nennt der Züchter Rammler, das weibliche Häsin, was zu Verwechslungen führen kann. Hasen gehören jedoch einer anderen zoologischen Gattung an, von Kreuzungen zwischen Hasen und Kaninchen ist nichts bekannt. Die Verwandtschaft beider Arten ist aber dennoch recht eng, das Kaninchen bildet zusammen mit dem ähnlichen Hasen die zoologische Ordnung der Hasentiere. Es sind also nicht, wie man wegen der ausgeprägten Nagezähne annehmen könnte, Nagetiere im zoologischen Sinne.
Ein Phänomen bei Kaninchen und Hase ist die Cocotrophie genannte Eigenart dieser Tiere, aus ihrem Blindarm sogenannten Blinddarmkot auszuscheiden. Diese nährstoffhaltige Substanz wird als kugelförmige Gebilde abgesetzt und noch ein weiteres Mal — direkt durch den After — zwecks doppelter Verwertung wieder aufgenommen.
Das Hauskaninchen wurde aus dem europäischen Wildkaninchen herausgezüchtet. Schon die Römer belustigten sich an eigens angelegten Kaninchengärten, von einem eigentlichen Haustier konnte allerdings noch keine Rede sein. Um 1200 wurde die Hauskaninchenhaltung erstmal erwähnt, die Zucht zahlreicher Kaninchenrassen ist weit jünger und setzte erst Ende des neunzehnten Jahrhunderts wirklich ein. Zu den ältesten Rassen gehört das wegen seiner Wolle gezüchtete und noch heute hochgeschätzte Angorakaninchen, von deren Zucht schon Ende des achtzehnten Jahrhunderts geschrieben wurde.
1995 gab es in der Bundesrepublik Deutschland achtundsechzig anerkannte Kaninchenrassen in noch weit mehr verschiedenen Farbschlägen.
Das Kaninchen soll Namensgeber Spaniens und der Spanier sein. Nachdem Karthago im ersten punischen Krieg gegen die Römer unterlegen war und Sizilien, Sardinien und Korsika an Rom verloren hatte, eroberte es als Ersatz die iberische Halbinsel. Wegen der dort häufigen Kaninchen, welche den in der Heimat der Kartharger häufigen Klippschliefer ähnelten, die auf Punisch shapan heißen, nannten sie das eroberte Land i-shapan, Land der Kaninchen (bzw. Land der Klippschliefer). Aus i-shapan wurde im Lateinischen Hispania und daraus Espana oder Spanien.
In Frankreich sagte der Volksglauben, der Hase stamme von Gott, das Kaninchen hingegen vom Teufel. (BÄCHTOLD-STÄUBLI, II, 960)
Im Aberglauben begegnet das Kaninchen ähnlichen Mißtrauen wie der Hase. Er gilt als beliebte Tarngestalt von Hexen und dem Hausherrn ist nicht wohl, wenn das Kaninchen in der Nähe von Vieh oder Haus gesehen wird. Seine hohe Fruchtbarkeit läßt das Kaninchen für entsprechende Zauber geeignet scheinen und möglicherweise besteht eine Verbindung des Aberglaubens vom bei Vollmond tanzenden Kaninchen mit einer vorchristlichen Mondverehrung. (PICKERING, 182) Pragmatischer ist das Mißtrauen gegenüber dem Kaninchen mit dessen Wühltätigkeit und seiner Vorliebe für Wurzelgemüse zu erklären — Grund genug, solche Tiere nicht im Garten zu dulden.
Die Haltung einer auf das Gartenterrain abgestimmten Schar von Kaninchen ist ideal für jeden auf Selbstversorgung abgestimmten Gemüsegarten. Kaninchen machen keinen (kaum) Lärm, sie verwandeln auch die übelsten Unkräuter in Küddel und damit produzieren sie wertvollen Dünger, nämlich den vollgeküddelten Einstreu, auch Mist genannt. Sie sind ausgesprochen niedlich, werden — Gewöhnung vorausgesetzt — gern auf den Arm genommen und wärmen dabei ihren Träger. Sie sind leicht zu schlachten und zuzubereiten, schmecken dann vorzüglich, irgendwo zwischen Geflügel und Schwein. Unbedingte Empfehlung für jeden Selbstversorger!
Lusus naturae (Laune der Natur) nennt man das Phänomen, daß auf der Innenseite eines abgehäuteten Kaninchenfells als Mauserzeichnung das Bild eines hockenden Kaninchens erscheint (SCHRÖDTER, 44).
Volksmedizinisch empfahl man den Hoden des Kaninchens gegen die männliche Impotenz (WEHR, 131).
Literaturhinweis:
U. Koetter u. J. Schröder: Selbstversorgen durch Kaninchenhaltung. 2. Auflage, Holm 1995. ISBN 3930720094