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 Tierwelt
 
 

Das Pferd

Equus caballus, Hauspferd

Ein zu den Einhufern gehörendes Tier, das in der freien Natur in offener Landschaft gesellig in Herden lebt, wo es sich weidend von Gräsern und Kräutern ernährt (fleischfressende Ausnahmen siehe unten, Diomedes).
Das männliche Pferd heißt Hengst, als Deckhengst Beschäler, in seiner kastrierten Form Wallach, das weibliche Pferd nennt man Stute, ihre Kinder Fohlen oder Füllen.

Althochdeutsche Bezeichnungen des Pferds sind ehu, hros, marah oder hengist*. Das althochdeutsche pfarifrid, Vorläufer des Wortes „Pferd”, bildete sich im Mittelalter aus dem lateinischen Wort paraveredus („Nebenpostpferd”), aus dem griechischen (para) und dem keltischen (ve) Wort für „bei” sowie raeda für den „vierrädrigen Reisewagen” (LINDAUER, 95).
* vgl. Roß, Mähre, Hengst

Vom Pferd ist eine umfangreiche Sammlung von Fossilien bekannt, an denen sich eine allmähliche Entwicklung vom etwa hundegroßen Urpferdchen (z. B. Hipparion) zu heutigen Formen ablesen läßt.
Von dem als Haustier gehaltenem Pferd werden eine ganze Reihe von Rassen gezüchtet. Grob unterscheiden lassen sich die leichteren Warmblüter, die vornehmlich als Reitpferde gehalten werden und die kräftigeren Kaltblüter, die als ruhig temperierte Ackerpferde den Pflug oder Lasten ziehen. Besonders kleine Pferde nennt man Ponys.

Den Pferden nahe verwandt sind Esel und Zebras. Sie lassen sich untereinander kreuzen, die Nachkommen heißen ja nach Elternanteil Maulesel, Maultier oder Zebroid, sie selbst sind unfruchtbar.

Als ältestes pferdekundliches Werk gilt eine hethitische Schrift des Hurriters Kikkuli (14. Jh. v. Chr.), die sich mit der Abrichtung von Wagenpferden befaßt. Bereits sehr viel früher kannte man es in Asien als Haustier, anfangs wohl zu Nahrungszwecken, später als Reit- und Zugtier.
Nach Ägypten gelangte das Pferd während der Zeit der Hyksos (1650-1550 v. Chr.).

 

Bei Griechen und Römern

Nach griechischem Mythos entstand das Pferd, als der Gott Poseidon seinen Dreizack in einen Fels rammte und dem ein Pferd entsprang. Athene erfand später die Zügel und ermöglichte so das Reiten.

Beliebt waren schon früh Wagenrennen; die militärische Reiterei wurde verhältnismäßig spät eingeführt.

Das Pferd bildet den Leib der Pferdemenschen Kentauren.

Mischwesen aus Mensch, Pferd und Delphin werden als Meereskentauren bezeichnet. Einer von ihnen ist Triton.

Mischwesen aus Pferd und geringeltem Fischleib sind die in der bildenden Kunst gern dargestellten Hippokampen.

Weitere Mischwesen aus Pferd und Mensch sind die zweibeinigen Silenen.

Die Demeter stellte man bei Phigalia in Arkadien (Peloponnes) als Mischwesen dar, als Frau mit dem Kopf eines Pferdes, aus dem Schlangen und andere Tiere wuchsen. (PAUSANIAS, Arkadien 42,4)

Berühmt ist das geflügelte Pferd Pegasos.

Der Nordwind Boreas verwandelte sich in einen Hengst und zeugte zwölf Füllen (HOMER, Ilias 20.223).

Die zwei schnellen Pferde Xanthos und Balios sind Kinder der Harpyie Podarge und des Westwindes Zephyros.

Die Pferde des Kriegsgottes Ares hießen Dimus („Grauen”) und Phobus („Entsetzen”) (Illias 15.119). Bei den Römern hieß dieser Gott Mars, auch ihm ist das Pferd heilig.

Fleischfressende Pferde hielt sich der thrakische König Diomedes.

Ein hölzernes Pferd wird den Trojanern zum Verhängnis (siehe Odysseus).

Das Pferd des Tiberius soll ab und an Feuer geschnaubt haben, was als Wirken der Od-Kraft gedeutet wird. (SCHRÖDTER, 69)

 

Bei den Kelten

Die Gallier kannten die Fruchtbarkeitsgöttin Epona, die „Große Stute” hieß.

 

Germanen

Das Pferd war bei den Germanen als Reittier in Krieg und Frieden bekannt und heiliges Opfertier. Stilisierte Pferdeköpfe zieren vielerorts als Abwehrzauber die Firste von Bauernhöfen.

Sleipnir heißt das achtbeinige Pferd des Odin, das der Rosse erstes ist (Edda, Grimnirlied, 44). Sleipnirs Vater ist der Hengst Svadilfari. Loki verwandelte sich in eine Stute, um sich mit ihm zu vereinigen. Dadurch wurde Svadilfari abgelenkt und konnte Asgard nicht vollenden.

Die Göttin des Totenreichs Hel holt die Toten auf ihrem dreibeinigem Pferd Helhesten.

 

Slawen

Die Slawen auf Rügen kannten ein Pferdeorakel. Ein dem Svantevit geweihtes Pferd wurde über drei Reihen ausgelegter Lanzen geführt. Aus dem Verhalten des Huftiers zog man Rückschlüsse beispielsweise auf den Ausgang geplanter Feldzüge. Zu diesem Zweck befragten die Stettiner das Pferdeorakel des dreiköpfigen Triglav.

 

Christen

Schutzpatrone...

... die ihre Hand schützend über die Pferde halten gibt es viele, Antonius von Padua, Berthild von Chelles, Celsus, Eligius, Gangolf, Georg, Hippolytus, Hippolyt von Rom, Leonhard von Noblat, Mauritius, Quirinus von Rom und Stephanus. Bei Pferdekrankheiten helfen Blasius, Eligius, Florus und Laurus, Georg, Kosmas und Damian, Martin, Mauritius.

Vor Pferdediebstahl bewahrt Kastulus, die Pferdeknechte unterstützt bei ihrer Arbeit Stephanus und die Pferdehändler der hl. Eligius.

Jeweils zwei Tempelritter teilten sich ein Pferd — jedenfalls auf einem Siegel des Ordens.

 

Islam

Auf dem Roß El Barak ritt Mohammed von der Klippe des Felsendoms auf dem Tempelberg in Jerusalem in den Himmel.

 

Neue Welt

Mit den spanischen Eroberern gelangte das Pferd nach Amerika. Aus entlaufenen Pferden entwickelten sich die freilebenden Mustangs.

 

Volksbrauch, Aberglauben, Vermischtes

Dem Huf des Pferdes werden unheilabwehrende Eigenschaften zugesprochen, die sich auf das Hufeisen übertragen, das daher ein beliebter Glücksbringer ist. Andererseits ist es gerade der an seinem Pferdefuß erkennbare Teufel, der in christlicher Vorstellung der Böse schlechthin ist.

Das Hufeisen kann Unglück verheißen, wenn es das Pferd, das die Hochzeitskutsche zieht, während der Fahrt zur Kirche verliert.

„wer pferdegewieher hört, soll fleißig zuhören, denn sie deuten gut glück an” (GRIMM, Deutsche Mythologie, Bd. III, S 442, Aberglaube Nr. 239)

Wer sein Pferd zu verkaufen trachtet, sollte es eine Zeit lang mit Huflattich füttern, wovon es eine stattliche Erscheinung erhalte.

Gutes Gedeihen der Pferde soll ein im Stall vergrabener Totenschädel sichern. (Dt. Myth., A. 815)

„Wird ein Pferd von Kolik geplagt, so reitet man auf demselben dreimal um den Kirchhof, und das Uebel ist gehoben.” (aus Darkehmen, n. FRISCHBIER, 72)

Besonders ist das Pferd vor dem Bösen Blick zu schützen, da dieses Tier für derlei Einflüsse besonders anfällig sein soll. Auch vor dem Pferdemahrt ist es zu schützen.

Um Pferden die Kraft zu nehmen und diese sich selbst zuzueignen, soll man den Samen eines Hengstes mit Erde mischen und darin eine schwarze Eberwurz pflanzen. Das gewachsene Kraut soll man essen, auch davon bei sich tragen, und sich häufiger in Ställen mit kräftigen Pferden aufhalten. Die Kraft der Tiere gehe dann auf einen selbst über (Das 6. und 7. Buch Mose, 36).

Auch Schadenszauber werden gegen das Pferd unternommen. Ein in einen frischen Hufabdruck geschlagener Nagel soll das Tier lahmend machen (Dt. Myth., III, S 473, A. 1040).

Der „Magisch-sympathetische Hausschatz”, gedruckt im „Sechsten und siebenten Buch Mosis”, mahnt Schwangere, keine Pferde oder Ochsen aus ihrer Schürze zu füttern, da sonst eine Schwangerschaft von zwölf Monaten zu befürchten sei. (BAUER, 133)

Gleiches Buch nennt einen Zauber, der sich wohl die Angst des Pferdes vor seinem Freßfeind, dem Wolf, dienstbar macht. Es soll nämlich ein dem Pferd umgehängter Wolfszahn das Roß vor Ermüdung schützen (ebd., 87).

Einem verhexten Pferd soll man Himbeerruten um den Leib binden. (BÄCHTOLD-STÄUBLI, IV, 3)

Eine andere Ausgabe dieser „Bücher Mose” empfiehlt den vor die Tür gehängten Pferdeschwanz zur Abwehr von Mücken. (Das 6. und 7. Buch Mose, 68)

Gelegentlich soll sich das Pferdegeschirr im Stall von selbst bewegen — es soll dieses Vorzeichen für einen Todesfall sein.

Es heißt, von der rechten Seite besteige der Schinder das Pferd. Einmal soll Kaiser Friedrich dem Papst Hadrian IV. beim Besteigen seines Pferdes den Steigbügel gehalten haben — allerdings auf der rechten Seite. Der Kaiser „entschuldigte” sich mit den Worten: „Ich war nie Stallknecht, Eure Heiligkeit werden verzeihen.” (CORVIN, 166)

Einige Stalleute des Königs Heinrich II. von England sollen einst dem Pferd des Erzbischofs Thomas Becket den Schwanz abgehauen haben. Zur Strafe sollen sie später lauter Kinder mit Schwänzen gezeugt haben (ebd., 167).

Das größte Glück der Pferde, heißt es boshaft, ist der Reiter auf der Erde.

Eine besondere Form des Pferdes ist das Einhorn.

Pferden kann beigebracht werden, sich auf die Seite fallenzulassen. Eine solche Dressur erfolgt beispielweise für Spielfilmzwecke. Erstaunlicherweise fallen Pferde aber immer nur auf eine Seite. Will ein Regisseur also glaubwürdig ein Gemetzel zwischen Kavallerie und Indianern darstellen, so benötigt er etwa zu gleichen teilen rechts- und linksfallende Pferde.

 

Die zweite Januarwoche steht in Ellwangen im Zeichen des Pferdes, denn dann findet ein traditioneller Pferdemarkt statt. Der „Kalte Markt” blickt auf eine über tausendjährige Geschichte zurück, Höhepunkt ist die Pferdeprämierung und der Pferdeumzug mit prachtvoll geschmückten Pferden.