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| Tierwelt | |
Rattus rattus, Hausratte u.
Rattus norvegicus, Wanderratte
Muridae (Langschwanzmäuse)
Die beiden europäischen Rattenartenarten sind in fast ganz Europa verbreitet und leben gern und häufig in der Nähe menschlicher Siedlungen. Hier können sie als Vorratsschädlinge zur Plage werden und stellen als Überträger von Krankheiten eine erhebliche Gesundheitsgefahr dar. Während der Pestzeiten waren Ratten, genauer die an Ratten parasitierenden Rattenflöhe, für die Verbreitung dieser verheerenden Seuche verantwortlich.
Die etwas größer als die Hausratte werdende Wanderratte kann sogar direkt für den Menschen, besonders für Kranke und Säuglinge, zur Bedrohung werden, da sie sich bei Nahrungsmangel nicht davor scheut, auch lebende Tiere und Menschen anzugreifen.
Ansonsten sind es sehr gesellige Tiere mit interessantem Sozialverhalten.
Wenn Ratten ein Schiff verlassen, wird dieser Kahn bald sinken. Ähnlich weise verhält sich auch der Klabautermann.
Ratten und Mäuse sollen sich vertreiben lassen, indem man an die betreffenden Stellen abgezogene Köpfe solcher Tiere legt (Das 6. und 7. Buch Mose, 64).
Der Magisch-Sympathetische Hausschatz rät zu einigen weiteren Mitteln zur Vertreibung von Ratten. So soll man am Tag des hl. Medardus (8. Juni) alle Türen mit dem Namen des Heiligen beschriften (BAUER, 87). Wirksam soll auch sein, am Sonntag während des Glockenläutens um das Haus zu laufen, dabei mit einer Birkenrute gegen alle Türen schlagen und ausrufen: Halli, Hallo, zur Kirche (ebd., 88).
Eine Attraktion des nordindischen Dorfes Deshnok ist ein Tempel der Göttin Karni Mata, in dem Ratten als heilige Tiere verehrt werden und als Kinder der Göttin gelten. Da den Tieren von den Menschen kein Leid geschieht, sie vielmehr mit Nahrungsgaben geehrt werden, krabbeln die Ratten zu Tausenden zutraulich in der Anlage herum.
Als christliche Schutzpatrone werden Gertrud von Nivelles und Kolumban sowie Kakukilla gegen Mäuse- und Rattenplagen angerufen.
Man vertreibt Ratten und Mäuse, indem man an einem hohen Festtage vor Sonnenaufgang einen alten ungeputzten Schuh schweigend auf einen Kreuzweg trägt und die Schuhspitze nach der Gegend richtet, wohin die Ratten und Mäuse auswandern sollen. Magisch-sympathetischer Hausschatz, 85
Wie Jägerlatein klingen die Geschichten vom Rattenkönig. Durch eine im Rattennest auftretende Krankheit sollen die Schwänze der eng beieinander lebenden Ratten derart miteinander verkleben, daß die Tiere aneinander gefesselt sind wie siamesische Zwillinge. Etliche Ratten können so ein Tierknäuel bilden, das man als Rattenkönig bezeichnet. Dank ihres sozialen Wesens bedeute dieses durchaus nicht das Todesurteil für den Rattenkönig, da die Ratten sich in ihrer Lage gegenseitig zu helfen wüßten.
Alkoholpräparate dieses Phänomens sollen sich in Hamburg, Göttingen und Stuttgart, ein besonders gut erhaltener mumifizierte Rattenkönig aus 32 Exemplaren im naturkundlichen Museum Mauritanium in Altenburg befinden.
Beim Dichter Ernst Moritz Arndt ist trägt der Rattenkönig eine goldene Krone auf dem Kopf und gebietet über die Kleintiere des Feldes; ihm begegnet am Walpurgisabend beim stralsundischen Dorfe Altenkamp ein Bauer, der vom Zug der Tiere wie von der Wilden Jagd mitgerissen wird und dadurch zu Reichtum kam (Rattenkönig Birlibi) .
Berühmt ist die Sage vom Rattenfänger, der die Stadt Hameln von Ratten befreit hatte, indem er sie mit seiner Flöte aus der Stadt lockte. Als ihm der Stadtrat die Belohnung verweigerte, fing der Rattenfänger auf gleiche Weise wie zuvor die Ratten die Kinder der Hamelner und verschwand mit ihnen in einem Berg bzw. in der Weser.
Auch von Grimm ist eine Rattenfängersage überliefert:
Der Rattenfänger
Der Rattenfänger weiß einen gewissen Ton, pfeift er den neunmal, so ziehen ihm alle Ratten nach, wohin er sie haben will, in Teich oder Pfütze.
Einmal konnte man in einem Dorfe der Ratten gar nicht loswerden und ließ endlich den Fänger holen. Der richtete nun einen Haselstock so zu, daß alle Ratten dran gebannt waren, und wer den Stock ergriff, dem mußten sie nach; er wartete aber bis sonntags und legte ihn vor die Kirchentür. Als nun die Leute vom Gottesdienst heimkamen, ging auch ein Müller vorbei und sah gerade den hübschen Stock liegen, sprach: »Das gibt mir einen feinen Spazierstock.« Also nahm er ihn zur Hand und ging dem Dorf hinaus, seiner Mühle zu. Indem so huben schon einzelne Ratten an, aus ihren Ritzen und Winkeln zu laufen, und sprangen querfeldein immer näher und näher, und wie mein Müller, der von nichts ahnte und den Stock immer behielt, auf die Wiese kam, liefen sie ihm aus allen Löchern nach, über Acker und Feld, und liefen ihm bald zuvor, waren eher in seinem Haus als er selbst und blieben nach der Zeit bei ihm zur unausstehlichen Plage. (Deutsche Sagen, Nr. 246)