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| Tierwelt | |
Uralt ist die Verehrung des Rindes. Schon die indischen Veden aus dem 6. Jahrtausend vor nennen heilige Kühe. Der Name der uralten Stadt Ur (Uruk) in Mesopotamien kommt vom Auerochs Ur. Das sumerische Gilgamesch-Epos (3. Jahrtausend vor) nennt den heiligen, stößigen Himmelsstier.
Aus dem Leib des Ur-Rinds Geush Urvan, das der altiranische Mithra tötete, gingen alle Tiere und Pflanzen hervor. Sein Blut segnete die Menschheit.
Die alten Ägypter verehrten den Apisstier als Gottheit. Die Priesterschaft bestimmte einen Stier zu dessen Inkarnation und nach seinem Tod wurde er im Serapion bei Luxor einbalsamiert und mit Ehren bestattet.
Hathor wurde als Himmelskuh verehrt. Aus ihrem Euter entsprang die Milchstraße, ihr Körper ist das Firmament und täglich gebiert sie die Sonne Horus-Ra.
Die alte minoische Kultur auf Kreta kannte als Gottheit einen Stiergott. Einer Deutung des Minotaurus-Mythos zufolge hatte die tributpflichtige Stadt Athen diesem Stiergott Kinder oder Jungfrauen zu liefern, bis Theseus diese Praxis beendete.
Die Griechen selbst hatten in ihrem höchsten Olympier, dem Gott Zeus einen Göttervater, der gern in Gestalt eines Stieres zu den Menschen kam. So verführte er als Stier die schöne Europa.
Auch eine Priesterin der Hera, Io, wird von Zeus in eine Kuh verwandelt, damit der sich mit ihr in Gestalt eines Stieres paaren kann.
Der Stierkampf, noch heute auf der iberischen Halbinsel blutiges Volksvergnügen, kann als Überbleibsel alter Stierkulte aufgefasst werden. In Indien ist die Kuh noch heute heilig und darf nicht erschlagen werden.
Im silbernem Zeitalter begann der Mensch damit, den Stier vor den Pflug zu spannen. Die geänderte Umwelt erforderte nicht allein Behausungen, bei der erforderlich gewordenen Landwirtschaft zwang man erstmals den Stier ins Joch (OVID, Metamorphosen I,122-126).
Von der Verehrung bis zum hormonverseuchten BSE-Rind war es ein langer Abstieg.
Auf Wunsch der Göttin Ishtar ließ der Himmelsgott Anu den Himmelsstier Guanna frei, damit der Uruk verwüste und dessen König Gilgamesch töte. Dem gelang es aber gemeinsam mit seinem Freund Enkidu, das schnaubende Untier zu töten (Gilgamesch-Epos, 6. Tafel).
Die Himmelsgöttin Nut dachte man sich als Kuh, deren Euter die Milchstraße entsprang.
Ganz allgemein ist der Stier ein gängiges Opfertier, das bei wichtigen Anlässen in Hekatomben geopfert wurde (z.B. HOMER, Illias, 1.93, 1.443)
Prometheus teilte einen Stier unter Menschen und Olympiern auf. Zeus griff absichtlich zum scheinbar besseren Haufen, der allerdings fast nur aus Knochen bestand (HESIOD, Theogonie, 535ff.).
Als die Olympier vor dem ungeheuren Typhon fliehen, verwandelt sich Hera in eine Kuh und Hephaistos in einen Stier.
Auf der Insel Thrinakia weideten dem Sonnengott Helios heilige Tiere, die des Odysseus Gefährten frevelnd verspeisten (HOMER, Odyssee 12.320ff.).
In Hermione in Griechenland wurden bei den jährlichen Feiern zu Ehren der Chtonia (Demeter) im Tempel der Göttin von vier alten Frauen mit Sicheln vier Kühe getötet (PAUSANIAS, Argolis, 35,5f.).
quod licet Jovi, non licet bovi — was dem Jupiter gestattet ist, das darf der Ochse noch lange nicht.
Die Urkuh nährte Audhumbla als eine Mutter der Welt den Urriesen Ymir.
In einem Lied der nordischen Edda reißt der Gott Thor einem schwarzen Stier den Kopf ab und fängt mit diesem als Angelköder die Midgardschlange (Hymiskvida, 19 u. 23).
Stier ist Sternbild und eines der Tierkreiszeichen.
Bedingt durch die Präzession verschieben sich — von der Erde aus gesehen — die Sternbilder allmählich entlang der Ekliptik, so daß alle 2.100 Jahre ein anderes Sternbild des Tierkreises zum Frühlingszeitpunkt bestimmend ist. Das jeweilige Tierkreiszeichen soll auf seine Epoche, die Weltzeitalter, bestimmend wirken. Von 4350 bis 2250 v. Chr. war das bestimmende Zeichen der Stier. In dieser Zeit soll der Mensch seßhaft geworden sein und seine Anhänglichkeit an das Irdische ausgeprägt worden sein (BETZ, 219).
Wenn die Kühe nur wenig grasen, ist meistens ein Wechsel des Wetters zu erwarten.
Aus dem Hodensack des Stiers stellte man die Phrygische Mütze her, eine helmartige Mütze mit einen runden, nach vorne geneigten Zipfel. Sie ist aus dem gegerbten Hodensack eines Stieres samt der umliegenden Fellpartie. Nach verbreiteter mythischer Vorstellung überträgt ein solches Kleidungsstück die besonderen Fähigkeiten des Tieres auf seinen Träger.
Der Wagen der Mondgöttin Artemis Taurione wurde von Rindern gezogen.
Die mit dem Urstier Geush Urvan begonnene Schöpfung findet in altiranischer Mythologie ihren Abschluß mit der Opferung des Stiers Hadayaosh.
Der Stier war auch eines der dem Schöpfergott Ohrmazd heiligen Tiere.
Beim Taurobolium setzte sich der Gläubige in eine Grube. Über ihm wurde ein Stier (oder Widder) geschlachtet, und das Blut floß auf den darunter befindlichen.
Die Tiere (Cherubim), die der biblische Prophet Hesekiel sieht, haben vier Gesichter: vorne das eines Menschen, rechts das eines Löwen, links das eines Ochsen und hinten das eines Adlers (Hesekiel 1,10).
Der Dämon Asmodi hat drei Häupter, den eines Stiers, den eines Menschen und den eines Widders.
Im Christentum ist der Stier das Symboltier des Evangelisten Lukas.
Schutzpatrone der Rinder sind Cornelius und Quirinus von Rom, speziell der Kuh Brigida von Kildare.
In der Sternenkunde ist der Stier das Sternbild Taurus.
Bei den Römern war der Stier dem Mars heilig.
Ein böswilliger Mensch vermag die Kühe des Nachbarn und deren Milch zu verhexen, indem er eine Maiblume unter die Schwelle zum Stall des Feindes steckt (aus dem. Ermland, n. FRISCHBIER, Hexenspr. u. Zauberb., 6).
Kletten, bei Kühen zwischen Hörnern und Schwanz befestigt, sollen die Tiere vor Behexung schützen. (WEHR, 146)
Kühe, die wegen eines Hexenzaubers keine Milch mehr geben, sollen durch Fütterung mit Löwenzahn ihres bösen Bannes ledig werden (WEHR, 222).
Weitere Zauber dieser Art siehe den Artikel Milch.
Im Vollmond abgewöhnte Kälber bekommen später größere und vollere Euter. (n. d. Magisch-sympathetischen Hausschatz, in: Das sechste und siebente Buch Mosis, 132)
Der Magisch-sympathetische Hausschatz, gedruckt im Sechsten und siebenten Buch Mosis, mahnt Schwangere, keine Pferde oder Ochsen aus ihrer Schürze zu füttern, da sonst eine Schwangerschaft von zwölf Monaten zu befürchten sei. (Das sechste und siebente Buch Mosis, 133)
Rinder gelten als sensitive Tiere, die nach Möglichkeit durch Erdstrahlen hervorgerufene Reizzonen meiden. Darum weideten die Römer ihr Rindvieh auf vorgesehenem Baugrund — wo die Tiere sich wohlfühlten, sollte ein auch für Menschen günstiger Bauplatz sein. (GRÜN, 189)
In Schwesing bei Husum ließ man Stiere den Bauplatz der Kirche bestimmen, erzählt die Volkssage.
Laut mittelalterlichen Prozeßakten sollen Dämonenbeschwörer an Kreuzwegen oft nicht magische Kreise gezogen haben, sondern unter sich Rinderhäute ausgebreitet haben, da diese der Teufel nicht betreten könne. (BIEDERMANN, 253)
Anfang 2009 erschien eine interessante Studie der britischen Universität Newcastle. Die Forscher hatten eine Erhebung unter Milchbauern vorgenommen. Ein Ergebnis war, daß Viehalter, welche ihren Tieren Namen gaben, im Schnitt eine höhere Milchleistung je Kuh erzielten als die Betreiber anonymer Viehställe. (Focus vom 29. 01. 2009, http://www.focus.de/wissen/wissenschaft/natur/kuehe-je-gluecklicher-desto-mehr-milch_aid_366041.html)