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| Tierwelt | |
Canis lupus, Canidae
Dieses etwa schäferhundgroße Tier dürfte den Menschen seit seiner Werdung beschäftigt haben. Wie der Mensch in Gruppen lebt, ist auch der Wolf ein Tier, das hoch organisiert im Rudel jagd. Ein solches Verhalten dürfte dem Urmenschen nicht entgangen sein. Wölfe verzichten aber gern auf die anstrengende Jagerei, wenn sich leichter Aas erbeuten läßt. So folgten die Rudel den nomadischen Horden der Urmenschen, um sich an deren Abfällen, auch Verstorbenen, gütlich zu tun.
Den Wolf brachte das frühzeitig mit dem Tod in Verbindung - natürlich auch, weil er selbst ein Raubtier ist und dem Menschen durchaus gefährlich werden kann, sonderlich Alten, Kranken und Kindern.
Weil die Wölfe im Winter nachts den Mond anheulen, war die Rolle des Wolfes als mythisches Tier wohl spätestens dann ausgemacht, als der Mensch begann, sich mit den Mondzyklen zu beschäftigen. Das Anheulen des Mondes durch Wölfe gilt allerdings auch als Gerücht.
Als Hund (Canis familiaris) schloß sich der Wolf schon in der Frühzeit (vor ~10000 Jahren) dem Menschen an. Der dürfte schon bald charakterliche Ähnlichkeiten der Vierbeiner zu seinesgleichen erkannt haben. Ihre wilden Verwandten galten dem Menschen als Feind. Der Konkurrent bei der Jagd, Reißer des Viehs, der gefährliche Angreifer und unheimliche Heuler war der Schädiger des Menschen.
Amulette von diesem Feind hatten dessen Kräfte inne und wirkten gegen allerlei Unbill. Die Augen schützen vor dem Bösen Blick, die Zähne lindern die Somnanbulie. Abbilder von Wölfen (auf Gräbern) galten als Mittel gegen Wiedergang als Werwolf.
Die Verwandlung eines Menschen in einen Wolf bezeichnet man als Lykanthropie.
In Asien, beispielsweise Tibet, war (ist) die naturnahe Totenbestattung durch Hunde als Aasvertilger üblich, ihre Kollegen in Europa sind Kerberos oder Managarm. Als Lebenserhalter sind säugende Wölfinnen bekannt (Romulus und Remus).
Zu Beginn des Endkampfes zwischen dem Guten Ahura-Mazda und dem Bösen Angra-Mainyu wird ein furchtbarer Werwolf die Menschen quälen, den der Ukschyart-Ereta erlegen wird.
Die Wölfe Freki und Geri gehören zu Odins ständiger Begleitung.
Am westlichen Tor von Odins Halle Walhall hängt ein Wolf, darüber dräut ein Adler (Edda, Grimnirlied, 10).
Skalli ist ein Wolf, der Alsvidr und Allwakr verfolgt, die Pferde der Sonne Sol.
Hati ist jener, der den Mond Mani verfolgt
Fenrir ist der Endzeitwolf.
Wölfe sind Reittiere der Riesinnen, z. B. der Hyndla (Hyndlalied, 5).
Wenn der Wolf heult, ist das laut den Worten Odins für Sigurd ein gutes Vorzeichen für den Ausgang des Kampfes (Edda, Sigurds Vaterrache).
Die Todesrune Eihwaz wird auch als Wolfsangel bezeichnet, ein Gerät, mit dem früher Wölfe gefangen worden sein sollen.
Den jungen Miletus setzte seine Mutter aus doch wurde er von Wölfen beschützt und gesäugt.
Der Lykaon wurde von Zeus in einen Wolf verwandelt, als er dem Gott das Fleisch seines Sohnes Arkas opfern wollte.
Ein Wolf verhalf dem Danaos zur Herrschaft über Argos. Der nahm an, das Tier sei von Apollo gesandt worden, dem er dafür den Beinmanen Lykios beilegte.
Dem Mars ist der Wolf heilig. Eine Wölfin, Lupa, säugte seine Söhne Romulus und Remus.
Die Ost- und und Südslawen dachten sich den Laskowiec (poln.) als Herrn der Wölfe, bei dem sich alljährlich die Wölfe zusammenfinden, damit er ihnen ihren Anteil an der Beute des kommenden Jahres zuspreche.
Sie wachen als seine Hütehunde über seine Herde von Hirschen, Rehen und Hasen.
Bei den Tschechen kennt man den Waldgeist Borowiec, der als Wolf oder Hirte erscheint.
Zur Bereitung von Liebestränken wurden Haare vom Schwanz des Wolfes empfohlen. (R. BURTON in Anatomy of Melancholy, zit. n. BIEDERMANN, 268)
Der Magisch-Sympathetische Hausschatz, gedruckt im Sechsten und siebenten Buch Mosis, nennt ein Rezept, das wohl die Furcht des Pferdes vor dem Wolf ausnützt. Demnach soll ein dem Pferd umgehängter Wolfszahn das Roß vor Ermüdung schützen (BAUER, 87).
Nachts umgelegte Amulette aus Wolfshaut sollen Nachtmahre vertreiben, die als Erreger von Alpträumen gelten.
Es hat noch kein Wolf den Winter gefressen, heißt es in einer volkstümlichen Wetterregel, darum komme der Winter so sicher, wie im August der Durst.
Ein Lämmchen löschte an einem Bache seinen Durst. Fern von ihm, aber näher der Quelle, tat ein Wolf das gleiche. Kaum erblickte er das Lämmchen, so schrie er: "Warum trübst du mir das Wasser, das ich trinken will?" "Wie wäre das möglich", erwiderte schüchtern das Lämmchen, "ich stehe hier unten und du so weit oben; das Wasser fließt ja von dir zu mir; glaube mir, es kam mir nie in den Sinn, dir etwas Böses zu tun!" "Ei, sieh doch! Du machst es gerade, wie dein Vater vor sechs Monaten; ich erinnere mich noch sehr wohl, daß auch du dabei warst, aber glücklich entkamst, als ich ihm für sein Schmähen das Fell abzog!" "Ach, Herr!" flehte das zitternde Lämmchen, "ich bin ja erst vier Wochen alt und kannte meinen Vater gar nicht, so lange ist er schon tot; wie soll ich denn für ihn büßen." "Du Unverschämter!" so endigt der Wolf mit erheuchelter Wut, indem er die Zähne fletschte. "Tot oder nicht tot, weiß ich doch, daß euer ganzes Geschlecht mich hasset, und dafür muß ich mich rächen." Ohne weitere Umstände zu machen, zerriß er das Lämmchen und verschlang es.
Das Gewissen regt sich selbst bei dem größten Bösewichte; er sucht doch nach Vorwand, um dasselbe damit bei Begehung seiner Schlechtigkeiten zu beschwichtigen.
Ein Wolf hatte ein Schaf erbeutet und verschlang es so gierig, daß ihm ein Knochen im Rachen steckenblieb. In seiner Not setzte er demjenigen eine große Belohnung aus, der ihn von dieser Beschwerde befreien würde. Der Kranich kam als Helfer herbei; glücklich gelang ihm die Kur, und er forderte nun die wohlverdiente Belohnung. "Wie?" höhnte der Wolf, "du Unverschämter! Ist es dir nicht Belohnung genug, daß du deinen Kopf aus dem Rachen eines Wolfes wieder herausbrachtest? Gehe heim, und verdanke es meiner Milde, daß du noch lebest!"
Hilf gern in der Not, erwarte aber keinen Dank von einem Bösewichte, sondern sei zufrieden, wenn er dich nicht beschädigt.