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| Religiöses Brauchtum | |
Unter einer Wallfahrt oder Pilgerfahrt versteht man den Besuch einer heiligen Stätte, beispielsweise eines traditionellen Kultortes, eines Heiligen- oder Reliquienschreins.
Den Gläubigen auf dem Weg zum Wallfahrtsort bezeichnet man als Pilger. Einen Pilger auszurauben gilt in allen Religionen als besonders verwerfliches Verbrechen. Umgekehrt verhält sich besonders gottgefällig, wer dem Pilger behilflich ist, etwa durch Kost und Logis.
Ziel einer Wallfahrt sind im Christentum der Besuch einer Kirche, in der die Reliquien eines Heiligen verwahrt werden oder es zieht den Gläubigen nach Jerusalem an die Stätten der Passion Christi. Besonders im Katholizismus gilt die Wallfahrt auch den Stätten tiefer Marienverehrung, etwa Lourdes, Kevelar oder Fatima, wo die heilige Jungfrau erschienen sein soll. Weiter sind die Orte Ziel einer Wallfahrt, an der sich sonstwie Wunder ereignet haben.
Schon aus den Anfängen des Christentums sind derartige Reisen bekannt.
Im Mittelalter ließen sich mehrere Formen christlicher Pilgerfahrten unterscheiden. Die lokale Pilgerfahrt führte zu einem nahegelegenen Wallfahrtsort örtlich begrenzter Bedeutung. Allgemeine Pilgerreisen hatten Orte wie Santiago de Compostela zum Ziel. Dann gab es die Pilgerreise nach Rom zum Grab des hl. Petrus, wobei der Pilger eine Audienz beim Papst hatte und viertens die Pilgerfahrt nach Jerusalem ins Heilige Land. Letztere Pilgerfahrt wurde ab dem elften Jahrhundert auch bewaffnet unternommen, nämlich bei der Kreuzfahrt.
Üblich waren Wallfahrten im abendländischen Christentum seit dem vierten Jahrhundert. In den folgenden Jahrhunderten wurden die theologischen Begründungen dieser Reisen ausgearbeitet und seit dem zehnten Jahrhundert stand die Wallfahrerei in voller Blüte.
Wallfahrten wurden nicht immer ganz freiwillig unternommen. Beispielsweise wurde reuigen Ketzern zur Buße eine Wallfahrt nach Jerusalem auferlegt — ein seinerzeit einschneidendes und kostspieliges, dazu noch lebensgefährliches Unternehmen. Man reiste deshalb am liebsten in Gruppen und es gab zu dem Zweck vielgenutzte Treffpunkte, etwa den Turm St. Jacques in Paris, der den Startpunkt der Reise nach Santiago de Compostela markierte.
Die Pilgerreise ist keine rein christliche Spezialität.
Juden reisen zur Klagemauer, dem letzten Rest des Tempels von Jerusalem. Als der Bau noch bestanden hatte, stiegen fromme Juden alljährlich an Festtagen zum Tempel hinauf.
Der Gläubige Muslim soll wenigstens einmal im Leben die heiligen Stätten seines Glaubens aufgesucht haben, Mekka und Medina. Besonderen Vorzug genießt Mekka, wer die Hadsch genannte Fahrt auf sich genommen hat, darf sich Hadschi nennen.
Den Hindu zieht es an den Ganges, wobei der Weg oft unter bewußter Inkaufnahme besonderer Strapazen, etwa auf den Knien kriechend, unternommen wird. Derlei Kasteiungen während der Pilgerreise und am Ziel der Wallfahrt sind auch den katholischen Gebieten Ostasiens nicht fremd.
Ähnlich den Pilgerfahrten waren die Reisen der Alten zu den Orakelstätten der Antike, z. B. Cumae oder Delphi. Die unternahm man zwar nicht zum Zwecke der Aufnahme in das Himmelreich, sondern um irdischen Sorgen abzuhelfen, hier wie dort nahm und nimmt der Reisende jedoch Kosten und Mühen auf sich, um durch frommen Besuch eines fernen Ortes den Beistand höherer Mächte zu erlangen.