| Zahlenwelt | ||
Zwei Punkte allein bringen noch keine Orientierungsmöglichkeit. Zwar gibt es ein Gegenüber, doch erst mit einem dritten Punkt kann ein Verhältnis bestimmt werden (Beispiel: a ist näher an c als a an b). Allerdings hat auch die zweidimensionale Welt noch kein Volumen.
Nachdem mit der Zwei die polare Welt möglich wird, weist die Drei auf erneute Verschmelzung beider Hälften, die als gemeinsames Kind das Dritte hervorbringen. Zwischen zwei Extremen gibt es den ausgewogenen, beide Seiten versöhnende Mittelweg.
Der Grundsatz der Harmonie ist in der Einheit, und das gibt der ungeraden Zahl solche Macht in der Magie.
Die vollkommenste der ungeraden Zahlen jedoch ist die Drei, denn sie ist die Trilogie der Einheit. (LÉVI, 112)
Die harmonische Dreizahl findet sich in Vorstellungen der Welt wie des göttlichen.
Die Welt, in der Antike dreigeteilt in Europa, Asien und Afrika, besteht aus drei großen Bereichen, dem Himmel der lichten Götter, die Unterwelt des Dunklen und der Toten und die irdische Menschenwelt oder Himmel, Erde und Meer, die ihrerseits in jeweils drei Bereiche unterteilt sein können, woraus sich die Neunzahl ergibt.
Diese Teilung findet sich bereits im altägyptischen Weltbild, das in das Reich der Himmelsgöttin Nut, die Erdenwelt des Erdgottes Geb und die Unterwelt Duat geschieden ist. Im Norden lag die Menschenwelt Midgard zwischen dem himmlischen Asgard und dem Totenreich der Hel, verbunden durch den Weltenbaum Yggdrasill, dessen drei Wurzeln aus den Quellen Urdrbrunnr, Mimisbrunnr und Hvergelmir saugen.
Wie die dreigeteilte Welt dennoch eine einzige ist, gibt es auch Gruppen von drei Gottheiten, die Aspekte eines einzigen universellen Gottes sind. Die in Europa bekannteste göttliche Dreiheit ist die christliche Trinität aus Vater, Sohn und Heiligem Geist.
Älter ist die akkadische Dreiheit Anu, Ea und Ellil oder die griechische Dreiheit Zeus, Poseidon und Hades. In Eleusis wurde die Dreiheit aus Demeter, Kore und Iakchos verehrt. Bei den Römern galten Jupiter, Mars und Quirinus als eine Dreiheit und die Ägypter hatten, schon aufgrund der langen Geschichte, zahlreiche Dreiheiten (Osiris - Isis - Horus, Amun - Re - Ptah, Amun - Mut - Chons [Theben]).
Viele Götter und Helden der Mythen haben drei Söhne, etwa der biblische Noah den Sem, den Ham und den Japhet, der griechische Kronos den Zeus, den Poseidon und den Hades (Pluton), der nordische Börr den Odin, den Vili und den Ve, der Fornjotr den Hlerr, den Logi und den Kari, in der germanischen Heldensage der Amelunc den Diether, den Ermrich und den Dietmar, bei den Skythen der Targitaus den Leipoxais, den Arpoxais und den Kolaxais. (GRIMM, III.398)
TACITUS nennt drei germanische Stämme Ingvaeones, Herminones und Istvaeones als Nachkommen der drei Söhne des Mannus (Germania, 2)
Gebären, behüten und zerstören, um neu zu gebären ist Motiv der Großen Göttin, deren Wirken sich auf Fruchtbarkeit, Wachstum und den Tod erstreckt. Letzterer ist dabei Voraussetzung der Wiedergeburt oder des Schaffens von Neuem. So sind weibliche Gottheiten nicht allein Muttergöttinnen, sondern ebenso Göttinnen des Krieges oder des Todes (z.B. Demeter, Hekate, Athene, Selene, Freyja, Kali). Ihre Zusammengehörigkeit zeigt sich beispielsweise in den drei Graien, die sich ein Auge und einen Zahn teilen.
In gewisser Weise kennt auch die christliche Marienverehrung die weibliche Dreiheit als Muttergottes, die Jesus gebiert, begleitet und endlich an seinem Grabe steht.
Das Schicksal wird als Gruppe dreier Frauen gesehen, bei den Griechen sind dies die Moiren, die den Lebensfaden spinnen, abspulen und schließlich abschneiden, die Römer kannten die Parzen, die Slawen die Zorya und die Germanen die drei Nornen Urd, Skuld und Verdandi.
Sie symbolisieren die Lebensalter Jugend, Entfaltung und Alter, wie es auch in den Mondphasen zum Ausdruck kommt. Nach dem Neumond wächst der Erdtrabant, entfaltet seine stärkste Kraft im Vollmond und schrumpft mit zunehmendem Alter, ehe er als Neumond dem Blick entzogen ist. Wenn er nach drei Nächten wiederkehrt, gibt dieses Hoffnung auf Wiedergeburt und Auferstehung.
Dreimal muß eine Prüfung bestanden oder eine Handlung vollzogen werden, aus drei Ingredienzien bestehen magische Tränke und dreimal hat der Märchenheld einen Wunsch frei.
Beispielsweise gelingt es drei Malaak (Engel) nicht, Lilith zur Rückkehr zu Adam zu bewegen. Jesus wurde in der Wüste dreimal vom Teufel versucht. Dreimal folterten die Asen die Gullveig, um an das Geheimnis ihres Reichtums zu kommen. Odin verführte die Riesin Gunnlöd, blieb drei Nächte bei ihr und erhielt drei Schlucke vom Skaldenmet.
Dreimal muß man linksherum, im Widdershins, um einen Feenhügel gehen, um ihn betreten zu können. Das gelingt im Märchen vielfach dem dritten und (vermeintlich) dümmsten dreier Geschwister. Den anderen beiden stehen meist hervorragende Gaben zur Verfügung, doch fehlt ihnen die Ganzheit des allgemein-menschlichen.
Eliphas Lévi (1810 bis 1875): Die Grammatik selbst verknüpft das Wort mit drei Personen.
Die erste ist die, welche spricht, die zweite, zu welcher gesprochen wird, und die dritte, über welche man spricht.
Der ewige Herrscher spricht zu sich selbst und von sich selbst.
Dies ist die Erklärung der Dreiheit und der Ursprung des Dogmas von der Dreifaltigkeit.
Auch das magische Dogma ist eins in drei und drei in eins.
(...)
Die Dreiheit ist das universelle Dogma. (Transzendentale Magie, 110)
es gibt drei Gorgonen, drei Horen, Chariten, Gratiae.
Dreimal täglich umrundet der Bronzemann Talos die Insel Kreta und bewacht so Europa.
Laut dem Sänger ORPHEUS fiel Dionysos, kaum daß er bei Persephone angekommen war, in einen drei Jahre währenden Schlaf. Erwacht verbrachte er seine Tage mit den Nymphen singend und tanzend (Hymn. 52,3).
Dreimal berührt Kirke den Picus mit ihrem Stab und verwandelt ihn so in einen Specht.
Drei Tage leckte die Urkuh Audhumbla einen Eisblock, ehe mit Buri der erste Mann freigelegt war (Gylfaginning, 6). Der hatte drei Söhne, Odin, Wili und We, die Himmel und Erde beherrschen (ebd.).
Mit der Ankunft von drei Riesinnen aus Thursenheim (Jötenheim) endete die Goldzeit. (Völuspa, 8 u. Gylfaginning, 14)
Die Brücke Bifröst, der Regenbogen, hatte drei Farben (Gylfaginning, 13)
Drei Tage und drei Nächte verbringt der Prophet Jona im Bauch des Fisches (Jona, 2).
Nach einer Legende soll das Kreuzesholz aus drei Samenkörnern gewachsen sein, welche man dem toten Adam unter die Zunge gelegt hatte. (GRIMM, N. 287)
Jesus antwortete ihnen: Reißt diesen Tempel nieder, in drei Tagen werde ich ihn wieder aufrichten. Da sagten die Juden: Sechsundvierzig Jahre wurde an diesem Tempel gebaut, und du willst ihn in drei Tagen wieder aufrichten? Er aber meinte den Tempel seines Leibes. (Joh 2,19-21)
Dreimal verleugnete Simon Petrus den Jesus, ehe der Hahn krähte (Mt 26,33-34, 26,69-75, Lk 22,55-61).
Mit drei Nägeln soll Jesus ans Kreuz geschlagen worden sein. Es heißt, der fromme Graf Adolf IV. von Schaumburg habe sie in sein Wappen aufgenommen, wo sie als herausgezogene drei Ecken des Nesselblatts dargestellt seien.
Drei Steine aus dem Jordan wird Jesus Christus einer Legende nach zur Endzeit gegen den Antichristen werfen.
Dreimal hätte ein Soldat mit dem Petermännchen von Schwerin ringen müssen um es zu erlösen (KUHN u. SCHWARTZ, A. 1).
Dreimal müssen viele Zaubersprüche hergesagt werden, damit sie wirksam werden.
Ein Aberglaube rät, in der Walpurgisnacht die Stalltüren mit drei Kreuzen zu versehen, damit die Hexen weder einem selbst noch dem Vieh schaden können (In: Sechstes und siebentes Buch Mosis, 135).
Dreimal soll man laut Magisch-sympathetischen Hausschatz auf die Unterseite eines vom Wegesrand aufgenommenen Steins spucken und den Stein an seinen Platz zurücklegen — so werde man seinen Zahnschmerz los (ebd., 39). Gleiches soll bei stechender Milz Linderung verschaffen (ebd., 54).
Um eine reiche Getreideernte zu erzielen soll man im Namen der hl. Dreifaltigkeit drei Kornähren über den Spiegel stecken. Bringt man Strohhalme vom Düngerhaufen eines Nachbarn auf den eigenen, so hole damit die Fruchtbarkeit von den Feldern des anderen auf die eigenen. Das gleiche soll das Übertragen von drei Spießen voll Mist bewirken. (Magisch-sympathetischer Hausschatz, 142)
Zum Schutz des Hauses soll man die Ecken dreimal anspucken (MALA, 59).
Nachts Wasser zu trinken sei gefährlich, weil dann im Glas ein Teufel sitze. Damit dessen Macht einen nicht überkomme, soll man dreimal in das Glas hineinblasen. (JUNGBAUER i. Handwörterbuch VI,788)
Wird ein Pferd von Kolik geplagt, so reitet man auf demselben dreimal um den Kirchhof, und das Uebel ist gehoben. (aus Darkehmen, n. FRISCHBIER, 72)
Drei sind frei hieß es in Mittelalter und früher Neuzeit — drei Äpfel, Trauben o. ä. durfte sich der durstige Wanderer zu seiner Labung ungestraft aus fremden Gärten pflücken (SCHREIBER, 210).
In der Chemnitzer Rockenphilosophie heißt es: wer sein feld volltragend machen will, gehe stillschweigend einen gewissen tag aus, hole von dreierlei erbäckern erde und menge sie unter seinen samen. (GRIMM, A. 477)
hält der sturmwind drei tage ohne aufhören an, so erhängt sich einer. (GRIMM, A. 1013)
Dreimal fallen — so ein verbreiteter Herxenglaube — alle ausgesandten Segen, Flüche usw. auf die Hexe selbst zurück.
Wer dreimal dem Tod ins Auge sieht, soll sich von ihm etwas wünschen dürfen.
Drei Tage vor der Vollstreckung des Todesurteils war dem Delinquenten dieses Schicksal anzusagen, bestimmte die Peinliche Gerichtsordnung Kaiser Karls V., damit der Verurteilte Zeit hatte, seine Sünden zu bedenken, zu beklagen und zu beichten. (KUNZE, 352)
Sympathetische Heilanwendungen müssen häufig 3, 5, 7 oder 9 mal wiederholt werden. (ATKINSON-SCARTER, 107)
In der mittelalterlichen Ordnung gehörten die Menschen einer der drei Stände an, oratores, bellatores und laboratores (Beter, Krieger, Arbeiter).