Das Schwarze Netz - zum Anfangzurück
   Christentum
 

Päpstin Johanna

Eine beliebte Spottgeschichte besagt, einmal sei es einer Frau gelungen, den Stuhl Petri zu besteigen.

Ein Frau namens Johanna, Kind englischer Eltern, soll sich in einen Benediktinermönch verliebt haben und sei, verkleidet als Mann, mit ihm nach Athen geflohen. Nachdem dieser Mönch verstorben war, habe Johanna ihre Verkleidung weiter benutzt, sei zum Priester geweiht worden und habe Karriere gemacht und sei zur Würde eines Kardinals aufgestiegen, schließlich sogar selbst als Johannes VIII. Papst geworden. Während einer Prozession soll sie, hochschwanger und in den Wehen, verstorben sein. Wenngleich der Vatikan diese Geschichte dementierte, soll (nach E. R. CHAMBERLEIN) in der Kathedrale von Siena noch heute eine Büste stehen, welche die Inschrift Johannes VIII., femina ex Anglia („Päpstin Johanne, eine Frau aus England”) trage. (KNIGHT u. LOMAS, 152)

Nach DOLLINGER ist die Sage von der Päpstin Johanna erst um das Jahr 1240 bis 1250 schriftlich verzeichnet worden, sämtliche andere Datierungen (teils bis ins achte Jahrhundert) seien falsch. Aber auch dann habe es einige Jahrzehnte gedauert, ehe die Geschichte weitere Kreise zog und zur volkstümlichen Fabel wurde. Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts soll die Geschichte so allgemein geworden sein, daß die Büste in der Kathedrale von Siena ganz selbstverständlich aufgestellt worden sei, niemand habe daran Anstoß genommen. Erst Papst Klemens VIII. habe Johanna in den Papst Zacharias „verwandeln” lassen. (Papstfabeln des Mittelalters, 11-26)

Bei DOLLINGER ist weiter zu erfahren, daß die Päpstin in den ältesten Berichten noch namenlos war. Erst Ende des vierzehnten Jahrhunderts schrieb man ihr den Mädchennamen Agnes oder Gilberta zu, als Päpstin gab man ihr den Namen Johannes, was der häufigste aller Papstnamen ist (vor 855 gab es bereits sieben dieses Namens, zur Zeit der Verbreitung der Sage bereits einundzwanzig). Recht einhellig sei die Meinung, sie sei durch besondere Gelehrsamkeit aufgefallen, Papst geworden und durch Schwangerschaft entdeckt worden. Über ihr Ende heißt es bei Stephan de Bourbon, sie sei, als sie zum Lateran-Palatinum heraufging, niedergekommen, worauf man sie von einem Pferd vor die Stadt schleifen und vom Volk steinigen ließ. Häufiger ist indes die Überlieferung, Johanna sei nach über zwei Jahren im Amt während der Prozession niedergekommen und daran gestorben, woraufhin man sie an Ort und Stelle begrub. Nach Boccaccio hingegen zog sich Johanna nach ihrer Entdeckung ins Privatleben zurück. Nach einem Mönch von Malmesbury stammte die spätere Päpstin aus Mainz, genoß eine hervorragende Ausbildung und ging nach Rom, wo Papst Leo die als Mann Verkleidete zum Kardinal machte. In dieser Version der Geschichte, erzählt 1366, wurde sie nach ihrer Niederkunft abgesetzt, blieb aber sonst unbehelligt. Es gibt noch eine Reihe weiterer Überlieferungen über ihr Wirken und Ende. So soll sie, welche vom Satan persönlich auf den Stuhl Petri gebracht wurde, unter anderem ein Buch über Nekromantie geschrieben habe. Ihr Ende auf offener Straße sei ihr von einem Engel bestimmt worden, welcher sie zwischen öffentlicher Schmach und ewiger Verdammnis entscheiden lassen habe. (Papstfabeln des Mittelalters, 26-30)

Interessant ist immerhin, daß bei den zahlreichen Päpsten namens Johannes ein Johannes XX. fehlt. Es heißt, ehedem habe man versehentlich vor Johannes XV. (985-996) einen weiteren Papst dieses Namens in der Liste geführt. Als man den Fehler endlich bemerkt habe, hätte man seit Johannes XXI. die traditionelle Zählung beibehalten. Darin mag man ein Indiz für die These sehen, daß die Existenz einer tatsächlichen Päpstin Johanna verschleiert werden solle — aber das bleibt Spekulation.