(eigtl. Alphonse Louis Constant, zeitweilig Abbé Constant; 1810 bis 1875) Dieser Wegbereiter der Tarotdeutung wurde am 8. Februar 1810 in Paris als Alphonse Louis Constant geboren und war Sohn eines Schusters und einer frommen Hausfrau. Er wurde zum Priester ausgebildet und hatte Aussicht auf eine glänzende Karriere als Theologe, doch entsagte er 1836 dem kirchlichen Dienst und wandte sich der politischen Linken zu. 1840 verfaßte er die revolutionäre Schrift La Bible de la liberté (dt. Bibel der Freiheit), in der er Politik und Religion zu versöhnen suchte und für einen christlichen Kommunismus eintrat. Nach der Niederschlagung der Revolution von 1848 wandte er sich ganz esoterischen Studien zu. (GRAF, 93)
Er befasste sich in phantastisch-unorthodoxer Weise mit Kabbalistik und Magie und war bestrebt, antiken Okkultismus, die Wissenschaft des 19. Jhs und die Religion auf seine Weise zu verschmelzen. (BIEDERMANN, 264)
Nach dem Scheitern seiner revolutionären Bestrebungen und nach privater Krise (seine Ehefrau lief ihm davon) beendete Alphonse Louis Constant die Karriere des Abbé Constant und nannte sich fortan Éliphas Lévi. (GRAF, 97f.)
1854 stellte er zum Niveau der in Paris geübten Kartenlegerei fest: Ihre Prophezeiungen sind keine Prophezeiungen mehr... Die aktuelle Kartomantie beschränkt sich auf eine Art moralischen Beistands; vor Enthüllungen sollen wir verschont bleiben. (n. Paul Boiteau d’Ambly, Les cartres à jouer et la cartomancie, Paris 1854, zit. n. GRAF, 93)
Der Tarok, schrieb Lévi, dieses Buch voller Wunder, das die heiligen Bücher aller alten Völker beeinflußt hat, ist aufgrund der analogen Genauigkeit seiner Bilder und Zahlen das vollkommenste Werkzeug zur Wahrsagung, das wir kennen. (Transzendentale Magie, 267)
Der Tarot war das einzige Buch der alten Magier, schrieb er weiter (512). Da war es nur folgerichtig, wenn das Kapitel über das Buch des Hermes, in dem Lévi den Tarot näher erläutert, die Transzendentale Magie abschließt.
Er selbst sah im Tarot den Schlüssel zum Verständnis uralter, ewiger Wahrheiten, welche in der Kabbala überliefert seien (GRAF, 102). Er griff den Gedanken Court de Gébelins auf, die zweiundzwanzig hebräischen Buchstaben den zweiundzwanzig Trümpfen zuzuordnen und gab auch den Anstoß, in dem kabbalistischen Lebensbaum einen Zusammenhang mit dem Tarot zu sehen (ebd., 109).
1860 veröffentlichte Lévi seine Histoire de la Magie (dt. Geschichte der Magie), in der er einen Überblick über magische Strömungen von den Anfängen an bietet und dabei stets die Vereinbarkeit von Magie und Christentum betont, sogar in der Magie einen Beweis des Christentums sieht.
1861 war Éliphas Lévi Mitglied in der Freimaurerloge La Rose du Parfait Silence, aber wegen abfälliger Kritik an einem seiner Vorträge verließ er die Vereinigung. (BIEDERMANN, 264)
Anderseits heißt es von ihm, er habe mit seinen Forschungen viele berühmte Menschen fasziniert und unter anderem den damals weltberühmten englischen Romancier Edward Bulwer-Lytton zum Kreis seiner Freunde und Bewunderer gezählt. (PICKERING, 105) Den soll Lévi in England besucht und dort Einblicke in ein rätselhaftes, in Geheimschrift verfaßtes Dokument erhalten haben, welchem Lévi die korrekte Zuordnung der Trümpfe des Tarot zu den Buchstaben des hebräischen Alphabets entnahm. (CROWLEY, 18)
Dem englischen Hochgradfreimaurer Kenneth Maccenzie machte er den Vorschlag, einen auf wissenschaftlicher Grundlage entworfenen Kartensatz neu zusammenzustellen und zu veröffentlichen. (CROWLEY, 18)
Éliphas Lévi war der erste, der Tarot als Instrument auffaßte, das in den Händen des spirituellen Suchers ein wirkliches Erlebnis der transzendentalen Wahrheit erweckt. (GRAF, 93) Damit ging Éliphas Lévi deutlich über die von Court de Gébelin veröffentlichte und von Étteilla angewandte Lehre hinaus. GRAF nennt ihn darum den ersten Weisen des Wassermann-Zeitalters (Die Magier des Tarot, 101).
1886 publizierte Arthur Edward Waite eine Übersetzung ausgewählter Texte Éliphas Lévis. Darunter befand sich auch ein längerer Abschnitt über Tarot, weshalb hiermit die englischsprachige Öffentlichkeit erstmals mit dem Buche Thot bekannt gemacht wurde. (GRAF, 159)
1896 veröffentlichte William Wynn Westcott die Schrift The Magical Ritual of the Sanctum Regnum. Diese Schrift gab er als Übersetzung eines bislang unveröffentlichten Kommentars Éliphas Lévis zu den 22 großen Arcana aus. Von einer solchen Schrift Lévis ist sonst allerdings nichts bekannt. Im Vorwort stellte Westcott die Behauptung auf, die Zuordnung der großen Arcana zu den hebräischen Buchstaben der französischen Tarotschule sei falsch. (GRAF, 167)
Éliphas Lévi ordnete die hebräischen Buchstaben den Trumpfkarten des Tarot zu. Dabei setzt er den Narren aber nicht an den Anfang der Reihe, sondern an vorletzte Position zwischen Gericht und Welt, womit er in Frankreich einige Zustimmung fand, nicht aber bei der später so einflußreichen Tarot-Schule Englands. (GRAF, 109) Aleister Crowley meinte, Lévi habe die wahre Reihenfolge der Karten absichtlich verschleiert (Buch Thot, 19).
Crowley sah in Lévi einen sehr großen Kabbalisten und Gelehrten, der immer noch geistlose Menschen durch seine Angewohnheit verärgert, sich auf ihre Kosten lustig zu machen und sie posthum als Narren zu entlarven. (n. WANG, 16) Lévi war nach Crowleys Ansicht ein Philosoph und Künstler, außerdem ein hervorragender Stilistiker und Spaßvogel der ,Pince sans rire’ genannten Art. (Buch Thot, 18)
(als Abbé Constant) La Bible de la liberté. Paris 1840; dt. Bibel der Freiheit
Dogme et Rituel de la haute magie. Tome premier (Dogme), tome second (Rituel). Paris 1855 bis 1856. Bis 1920 sechs Auflagen. Transzendentale Magie. Dogma und Ritual.
Histoire de la Magie. Paris, 1860. Dt. Geschichte der Magie.
La Clef des Grands Mystères Suivant Hénoch, Abraham, Hermès Trismégiste, et Salomon. Paris 1861
- wird fortgesetzt -