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 Germanische Mythologie
 
 

Nehalennia

Am 5. Januar 1647 wurde der Name dieser Göttin erstmals wieder bekannt, als stürmende Brandung Teile des Ufers der batavischen Insel Walcheren in der Scheldemündung fortriß. Als die Ebbe eintrat, fanden die Bewohner 45 Trümmer von Säulen, Altären und Statuen mit Inschriften und Darstellungen. Man erkannte, daß sich es offensichtlich um einen Tempel der Göttin Nehalennia handele. (HERRMANN, 284)

Es soll sich um eine Göttin der ländlichen Fruchtbarkeit handeln, der bei den Friesen der Hase heilig war. (BÄCHTHOLD-STÄUBLI, III,1506)

Das Gründliche mythologische Lexikon, erstmals 1724 erschienen, überarbeitet 1770, faßt den seinerzeitigen Wissensstand wie folgt zusammen:

„NEHALENNIA, æ, eine Göttinn der alten Deutschen und der mit ihnen verwandten Völker. Ihr Daseyn wurde nur erst in der Mitte des vorigen Jahrhunderts recht bekannt, da man altes verfallenes Mauerwerk auf der Insel Walchern entdeckte, worunter viele Altäre, Gefäße und Bildsäulen waren, welche sie vorstelleten, und durch die haben befindlichen Aufschriften ihren Ramen anzeigeten. Vredii addit. ad Hist. Comis. Flandr. l.I. Prodr.II.p.XLIV.sqq. Man findet sie auf denselben bald sitzend, bald stehend. Sie hat ein jugendliches Ansehen, und eine Kleidung, welche sie vom Kopfe bis auf die Füße bedecket, und worunter auch zuweilen ihre Arme und Hände selbst verborgen sind. Auf dem Kopfe hat sie eine Art Kappe oder Haube, und es sitzt ein Hund neben ihr, gemeiniglich zur Rechten, der sie ansieht. Zuweilen steht ihr linker Fuß auf einem Schiffschnabel, zuweilen auf einem Stücke Säulen. Sie trägt in ihrem Schooße Früchte und hat dergleichen auch wohl neben sich stehen. Dabey wird sie noch oftmals von einem oder zweyen Hörnern des Ueberflußes oder Bäumen an der Seite begleitet. Martin Relig. des Gaulois T.II.I.IV.c.17.p.79 fqq. Montfauc. Antiq. expliq. T.II.P.II.p.443). Man hat ihren Namen bald aus dem Ebraischen und Phönicischen, bald aus dem Griechischen und Lateinischen, herleiten wollen, und sie zu einer Göttinn der Schifffahrt, oder zu einer Vorstellung des Neumondes gemacht. Er soll aber aus dem Celtischen her zu holen seyn, wo Neh oder Nick nichts anders, als einen Wassergeist angedeutet; und die in den Auffschriften oder vorkommenden Deæ Nehæ sind dafür anzunehmen. Keysler l.c.p.263sqq. Ob man nun gleich vorgiebt, daß ihr Dienst weit ausgebreitet gewesen und sich bis nach England erstrecket: Banier. Erl. der Götterl. II B. 811 S. so behauptet man doch sicherer, daß sie bloß eine topische Gottheit vorgestellet, die an die solchen Orten verehret worden, welche Hallen oder Allen geheißen. Keysler l.c.p.277.” (HEDERICH, Sp. 1695f.)

 

GRIMM meinte, über Benennung einer friesischen dea Nehalennia bestehe kein Zweifel, da ihr Name in zwei gleichlautenden Inschriften überliefert sei. Ihr Name gestatte jedoch nur „gezwungene, unbefriedigende Anknüpfungen. in andern am Niederrhein gefundnen incriptionen kommen zusammensetzungen vor, deren ausgang (-nehis oder -nehabus sind dat. pl. fem.) das nemliche wort zu verkünden scheint, das in Nehalennia die erste hälfte bildet, die mehrzahl scheint eher auf nymphen als eine göttin zu deuten, doch findet sich auch die Vorstellung von mater dabei.” (Deut. Mythol., I., 213)
Eine Rückführung des Namens Nehea oder Nehalennia auf nere, neza, spinnen, gefalle GRIMM jedoch. Das könnte Nehalennia in Zusammenhang mit Walküren und Weisen Frauen bringen. (ebd., I., 347)

Von einer Nähe des Namens Nehalennia zum Nix und damit zu einer Wassergöttin hielt GRIMM nichts. Eine Änderung des H-Lautes zu einem K-Laut sei unwahrscheinlich, zudem deuteten die Bildnisse der Nehalennia schwerlich auf eine Flußgöttin. (Deut. Mythol., I., 404)

Als Anmerkung zu den Holzweibchen und Waldfrauen schreibt GRIMM, die Waldfrauen hießen auch Dirnweibel, welche Äpfel im Korb tragen, „wie die matronae und Nehalennien.” (ebd., III., 121)
Hier ließe sich eine Ähnlichkeit zu den griechischen Hamadryades denken.

 

Weder HEDERICHs Gewährsleute noch die GRIMMs konnten von einem weiteren Altar der Nehalennia wissen, der 1870 in der Nähe des 1647 freigelegten Tempels durch Küstenbewegung ans Tageslicht kam. (HERRMANN, 284)
Auch in Deutz, im alten Ubierland, fand man Altäre der Göttin. Einen bereits 1600, der aber nicht weiter Bekanntheit erlangte und 1776 / 77 einen Weiteren mit Inschrift. (HERRMANN, 284)

Auf allen Bildnissen ist Nehalennia nach HERRMANNs Kenntnisstand von 1895 in einen weiten, mit großem Kragen versehenen Mantel gehüllt, manchmal trägt sie eine Haube, wie sie im Mittelalter in Deutschland üblich war und heute noch in Holland getragen wird. Elf Altäre zeigen sie mit einem Hund, bald zu ihrer Rechten, bald zur Linken. Drei Altäre zeigen sie mit erwähnten Schiffsvorderteil, einmal hält Nehalennia auch ein Ruder. Einer der Doomburger Altäre ist laut Inschrift die Einlösung eines Gelübdes, das ein Kaufmann der Göttin erboten hat, daß sie seine Schiffsladung rette. Zehn Darstellungen mit der Göttin in sitzender Haltung zeigen Nehalennia mit einer Schale Äpfel und weiterem Obst, fünf Steine zeigen sie mit Füllhorn. Ein Altar zeigt Nehalennia in Begleitung eines Jagdknechts, der einen Hasen am Stock trägt. (Deutsche Mythologie, 284f.)

HERRMANN hielt für möglich, daß die Reste des Heiligtums auf der Insel Walcheren jener Tempel war, den der heilige Willibrord im Jahre 694 besuchte. Bei einem Dorf namens Walichrum stieß er auf den Kultplatz und zertrümmerte unter den Augen des anwesenden Tempelhüters die Bilder. Der Heide versuchte den Missionar mit seinem Schwert zu erschlagen, doch habe die Klinge dem Heiligen nichts anhaben können. Nun wollten die Gefährten Willibrords den Tempelhüter erschlagen, doch gewährte Willibrord dem Gnade und entließ ihn in die Freiheit. Das Heiligtum hingegen wurde völlig zerstört und die Steine ins Mehr gestürzt, welches sie Jahrhunderte später freigab. (Deutsche Mythologie, 285f.)

 

Von den Bewohnern der Scheldemündung wurde Nehalennia (auch Nehellennia) „Neeltje Jans” genannt. Dieses solle sogar der ältere Name sein, beider Bedeutung: „Das heilende Licht an der Helle”, wobei mit „Helle” damals die Nordsee gemeint gewesen sei. Nehalennia sei eine Muttergöttin gewesen, welche die Angst vor dem Wasser milderte und die für die Ertrunkenen sorgte, womit auch der Bezug zum Totenreich gegeben ist. (GARDENSTONE, 199f.)

Mit Nehellennia soll auch die Stelle gemeint sein, an welcher Schiffer bei Dunkelheit die gefährliche Untiefe der Sandbank erkannten, da das Wasser der Nordsee sich dort durch Phosphoreszierung aufhelle. Der Sandbank gab man den Namen „Neeltje Jans”. (GARDENSTONE, 199f.)

Wahrscheinlich handele es sich bei Nehalennia um eine Variante der Göttin Holle. (GARDENSTONE, 200)