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 Deutsche Mythologie / Volksmärchen
 
 

Dornröschen

Eine der bekanntesten Gestalten des deutschen Volksmärchens.
Dornröschen war das heiß ersehnte Kind eines Königspaars. Zur Feier seiner Geburt luden die Eltern zwölf weise Frauen ein — eine dreizehnte mußte fernbleiben, da man nur zwölf goldene Teller hatte. Aber als die zwölf Frauen bis auf eine dem Kind die besten Wünsche übereignet hatten, trat die Nichteingeladene hinzu und sprach, das Kind solle an seinem fünfzehnten Geburtstag von einer Spindel gestochen sterben. Zwar konnte die zwölfte Frau noch den Tod in einen hundertjährigen Schlaf umwünschen, doch war das Schicksal der Königstochter bestimmt.

Aus Sorge um seine Tochter ließ der König alle Spindeln aus seinem Reich verbannen, doch wurde eine übersehen, denn an seinem fünfzehnten Geburtstag traf das Mädchen eine spinnende alte Frau. Die ließ die Königstochter auch einmal versuchen, welche sich prompt stach und in einen todesähnlichen Schlaf fiel, mit ihr das gesamte Schloß mit allen seinen Bewohnern.

Um das Schloß wuchs nun eine Dornenhecke, die bald den gesamten Bau bedeckte und vom schönen schlafenden Dornröschen nurmehr die Sage bekannt war. Etliche Jünglinge versuchten, das Dickicht zu durchdringen, doch kamen sie sämtlich in den Dornen um. Erst als hundert Jahre vorüber waren, gelang es einem Königssohn, durch die Hecke zu dringen. Im Innern fand er alles schlafend vor, gelangte in die Kammer des Dornröschens und erlöste diese von ihrem Schlaf, mit ihr alle anderen, Menschen wie Tiere. „Und da wurde die Hochzeit des Königssohns mit dem Dornröschen in aller Pracht gefeiert, und sie lebten vergnügt bis an ihr Ende.” (BRÜDER GRIMM, KHM Nr. 50)

Dem deutschen Märchen vom Dornröschen, wie es bei GRIMM wiedergegeben ist, liegt die Fassung des französischen Märchendichters CHARLES PERRAULT zugrunde, dessen Werk 1695 erschien (dt. Die schlafende Schöne im Walde) und aus romanischen Stoffen schöpft, die wenigstens ins 14. Jahrhundert reichen. Hier sind es statt zwölf weisen Frauen sieben Feen, eine achte, die den Todeswunsch ausspricht, war versehentlich nicht eingeladen worden. Bis zum Erwachen des Dornröschens durch einen Prinz ähnelt die Geschichte im weiteren Verlauf der deutschen Version (BRÜDER GRIMM, PERRAULT, Sämtliche Märchen, 1986, S. 55ff).
Das Märchen soll mit diesem Motiv den „Schlaf des Winters und das Erwachen des Frühlings oder die Ablösung der Nacht durch den Tag” umschreiben (ebd., 136), wozu stimmt, daß bei PERRAULT als Kinder des Paares „Morgenröte” und „Tageslicht” genannt werden (ebd., 65).

Auch im nordischen Mythos begegnen Züge des Märchens. Im Edda-Lied „Die Erweckung der Walküre” durchbricht Sigurd auf der Höhe Hindarfjall einen wie Feuer glänzenden Schildzaun, worinnen er die Walküre Sigdrifa (bzw. Brynhild) findet und weckt, die von Odin mit dem Schlafdorn gestochen wurde und darum in den Schlaf verfallen war (Edda, Sigrídíformál); nach der „Vogelweissagung” liegt die von „Yggs Dorn” gestochene Schlachtjungfrau in einem unüberwindlichen Ring aus Feuer (Waberlohe).
Nach J. GRIMM nennt man einen moosartigen Auswuchs am wilden Rosenstrauch oder am Hagedorn, wie er in der Edda als svefnthorn genannt ist, Schlafapfel oder Schlafkunz. Solche auch Kuenz genannte Galle soll — unter das Kopfkissen eines Schlafenden gelegt — diesen solange schlafen lassen, bis man ihn entfernt (Deutsche Mythologie, II., 1007f.).