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 Geistwesen
 
 

Waldgeister, Waldleute

Diese europäischen Naturgeister zählen zur Verwandtschaft der Zwerge, Kobolde und Alben.

Ihr Vorkommen beschränkt sich bei den männlichen Vertretern, Moosmännchen und Waldvätern, auf den unberührten Urwald, die Moosweibchen wagen sich auch in der Nähe menschlicher Siedlung (ARROWSMITH, 186).

Zu den Waldgeistern gehören die Moosleute und die Holzweibel, die Moosfräulein und die Buschgroßmutter, welche die Herrscherin dieser Wesen sein soll (ARROWSMITH, 187) und die an der Saale lebt (GRIMM, I., 400 u. III., 141).
Diese Wesen ähneln in der Größe etwa dreijährigen Kindern, kleiden sich in Moos und - besonders die weiblichen, die männlichen, an ihrem dreieckigen schwarzen Hut kenntlich, sind weniger umgänglich - pflegen überwiegend freundlichen Umgang mit den Menschen, beschenken sie, helfen ihnen bei der Ernte und sitzen mit ihnen zu Tische, nehmen sich auch heimlich von den Vorräten der Menschen, wofür sie sich aber durch guten Rat und Gaben erkenntlich zeigen. Bei der Flachsernte lassen ihnen freundliche Flachsbauern drei Hände voll Flachs in den Feldern liegen. Mehr Sicherheit gewährt diesen Waldgeistern die Sitte, bei Holzfällarbeiten drei Kreuze in den Stumpf zu schlagen, solange der Schall des niedergefallenen Stammes zu hören ist: Diesen Platz können die Waldgeister aufsuchen, wenn die Wilde Jagd hinter ihnen her ist.

Auch von den Menschen droht ihnen Gefahr. Ganz abgesehen davon, daß den konservativen Waldleuten Lärm, Kirchengeläut und Verstädterung ein Graus ist, muß ein Waldweibchen sterben, wenn ein Mensch einen jungen Baum so dreht, daß dem der Bast abspringt. Eine merkwürdige Abneigung haben diese Wesen gegen das Zählen der Brote (vielleicht, weil sie sich dann keines davon nehmen können), gegen die Sitte, mit dem Finger in den Teig zu drücken (pipen) oder Kümmel hineinzubacken:

„Schäl keinen Baum,
erzäh keinen Traum,
pip kein Brot (oder: back keinen Kümmel ins Brot),
so hilft dir Gott aus aller Not!”

Besonders dieser Kümmel ist ihnen verhaßt, so daß die Klage der Waldleute lautet: „Kümmelbrot, unser Tod!” oder „Kümmelbrot macht Angst und Not!”

Haben sie sich trotz aller Scheu in die Nähe des Menschen gewagt, so sollte man es unterlassen, die Knödel im Topf zu zählen und das Wasser etwas tropfen lasssen - die Moosweibchen können sich dann selbst versorgen. Wer so ihr Vertrauen gewonnen hat darf darauf hoffen, daß die Waldleute sie in ihr tiefes wissen um Gehgeimnisse der Natur einweihen, besonders in die Kräuterheilkunde. Sie vermögen es, durch Tanz das Getreide besser gedeihen zu lassen und wissen auch Blätter in Gold zu verwandeln (ARROWSMITH, 185f).

Manches an den Waldleuten ähnelt den Berichten über andere Wichteln, zum Beispiel der Umstand, daß sie auf nimmerwiedersehen verschwinden, wenn man ihnen zum Dank für geleistete Dienste Kleider und Schuhe hinlegt. Dann empfinden sie sich als ausgelohnt und verpflichtet zu gehen.

Auch ein Waldgeist, aber nicht zu mehreren sondern immer einzeln auftretend, ist der Schrat, ähnlich ist der Wilde Mann. In Tirol lebt der den Moosmännchen ähnliche Norgg.

Die Waldgeister der deutschen Sagen und Mythen ähneln den Faunen und Satyrn des Mittelmeerraums. Slawische Waldgeister sind die „Herren der Wälder” Leshiye.

 

Einer Sage nach fingen die Leute des Kurfürsten Johann Georg I. am 18. August 1644 bei Chemnitz in einem Gehölz ein kleines Weiblein von nur einer Elle Größe, aber sonst menschlicher Gestalt, das allerdings ganz rauh war. Das Wildweiblein sagte: „Ich verkündige und bringe den Frieden im Lande.” Der Kurfürst ließ das Wesen daraufhin freilassen, den gut ein Vierteljahrhundert zuvor war ein ähnliches Männlein gefangen wurden, welches Unfrieden und Krieg verkündet hatte. (n. GRIMM, Nr. 168)