Das Schwarze Netz - zum Anfang< zurück
 Griechische Mythologie
 
 

Agdistis

Dieses ist der Beiname der phrygischen Göttermutter, den sie von dem Felsen Agdos bei Pessinus erhalten hatte. Dieser Felsen hatte sich einmal selbst die Gestalt der großen Mutter gegeben, den der Himmelsgott Papas, bzw. nach griechischer Darstellung der Zeus, beschlief bzw. mit ihm rang, so daß der Felsen vom göttlichen Samen schwanger wurde und im zehnten Monat nach dem Ereignis das doppelgeschlechtliche, rasend leidenschaftliche Wesen Agdistis gebar.

Die Götter berieten, was gegen dieses Ungeheuer zu tun sei, mit dem Ergebnis, daß Dionysos die Quelle, woraus Agdistis zu trinken pflegte, mit Wein füllte. Vom Rauschtrank wurde Agdistis trunken und schlief ein, so daß Dionysos dessen männliches Geschlechtsteil an einem Baum festbinden konnte. Agdistis erwachte und raste wie gewohnt ungestüm los — und entmannte sich dadurch selbst.

Aus dem Blut wuchs ein Baum (je nach Überlieferung ein Mandelbaum oder ein Granatapfelbaum), dessen Frucht Nana, die Tochter des Königs oder Flußgottes Sangarios, pflückte und in ihrem Schoß verbarg, wovon Nana schwanger wurde. Ihr Vater wütete darüber unds sperrte Nana ein, daß sie des Hungers sterbe, doch wurde sie von Früchten und den Speisen der Götter erhalten, welche ihr die Große Mutter brachte.
Als Nana endlich mit einem Knaben niedergekommen war, ließ ihr Vater Sangarios das Kind aussetzen, aber wunderbarerweise wurde das Kind von einem Ziegenbock gerettet, gefunden und mit einer „Bocksmilch” genannten Flüssigkeit ernährt. Man nannte das Kind Attis, nach lydisch attis, für „schöner Knabe” oder nach dem phrygischen attagus für „Bock”.

Da Attis herangewachsen war, verliebte sich die wilde Agdistis in ihn und führte ihn mit sich in die Wildnis. Aber König Midas von Pessinus sah in ihm den Gatten für seine eigene Tochter und ließ die Hochzeit ausrichten. Es kam auch zum Hochzeitsfest mit der Königstochter, bei der aber Agdistis erschien und mit den Klängen ihrer Syrinx alle Gäste um den Verstand brachte, Attis nahm sich unter einer Pinie selbst das Geschlechtsteil, aus dem Blut sprossen Veilchen, und er verschied mit dem Ausruf: „Dir, Agdistis!”

Diese reute nun ihre Tat und sie bat Zeus, dem Attis das Leben wiederzugeben. Doch alles, was der vermochte war dafür zu sorgen, daß der Körper des Attis niemals verweste, sein Haar weiterhin wuchs und sein Finger lebendig blieb und sich von selbst bewegte.

(Erzählt nach KERÉNYI, 72f.)