| Griechische Mythologie - Dichtung - Aischylos | ||
(Io ab)
Erste Strophe
CHOR:
Weise, ja weise genannt
880 Sei, wer zuerst sich dies in Gedanken ersann und lehrenden Worten es aussprach,
Daß die Brautwahl passend dem eigenen Stamm den Preis verdient.
Nie mag des Reichtums üppig verweichlichender,
Nie des Adels ahnenverherrlichender
Ehe nachgehn, wer um Lohn arbeiten muß!
Erste Gegenstrophe
885 Nimmer, ja nimmer gescheh's,
Daß ihr, o Moiren, mich in dem Lager des Zeus je säht zur
Genossin erkoren;
Nahe niemals einer der Himmlichen mir als Bräutigam!
Mich graust's, der scheuen, bräutigamflüchtigen Braut,
900 Ios hochzeitwelkende Jugend zu schaun,
Ihrer Irrsal arge Qual durch Heras Haß!
Epode
Doch ich, wenn ich in ruhiger, glücklicher Ehe bin, fürchte mich nicht;
Nimmer mög in Liebe mich der hohen Götter unentfliehbar Auge sehn;
Denn das ist ein Kampf, zu bekämpfen, zu leiden, zu meiden nie!
905 Weiß ich dann, was mir geschähe?
Wie ich Zeus' Gericht entfliehn könnte, nimmer weiß ich's! -
PROMETHEUS:
Zeus selbst erscheint noch trotz des stolzen Eigensinns
Einst tief erniedrigt; also knüpft er selbst zum Netz
Sein Ehebündnis, welches ihn aus seiner Macht,
910 Von seinem Thron ihn tief hinabstürzt. Dann erfüllt
Alloffenbar sich seines Vaters Kronos Fluch,
Den, seines ewgen Throns entstürzend, der geflucht.
Wie dieses Unheil abzuwenden, das vermag
Der Götter niemand ihm zu sagen außer mir.
915 Ich aber weiß es, weiß den Spruch; drum mag er jetzt
Kraftstrotzend thronen, seines luftgen Donners stolz,
Vom Flammenpfeil des Blitzes hell die Hand umsprüht;
Denn alles das wird nichts ihm helfen, nicht hinab-
Zustürzen schmachvoll unerträglich bittren Fall!
Und solchen Gegner rüstet er und wappnet er
920 Sich selbst, ein allunüberwindbar Wunder einst,
Der heißre Flammen als den Blitzstrahl finden wird
Und lautre Stimme, daß des Donners Macht verstummt,
Der aller Meer und Lande allerschütternden
Trident, Poseidons Zepter, gar zerschmettern wird!
925 Kommt dies Verhängnis über ihn, dann sieht er ein,
Wie gar verschieden Herrschen und Erliegen sei'n.
CHOR:
Schon lange dräust du, was du gern sähst, gegen Zeus!
PROMETHEUS:
Was einst erfüllt wird, was ich sehr ihm wünsche, war's!
CHOR:
930 Und darf sich jemand träumen, Zeus zu bewältigen?
PROMETHEUS:
Furchtbarer Unheil muß er leiden noch denn dies!
CHOR:
Und bist du bang nicht, auszusprechen dieses Wort?
PROMETHEUS:
Was sollt ich fürchten, dem zu sterben nicht verhängt?
CHOR:
Den er vielleicht qualvollre Qual noch dulden heißt.
PROMETHEUS:
935 So mag er; alles seh ich und erwart ich dreist.
CHOR:
Vor Adrasteia beugt sich stumm des Weisen Geist!
PROMETHEUS:
Bet an, verstumme, beuge dich den Herrschenden,
Mich aber kümmert minder dieser Zeus denn nichts!
Er schalt' und walte diese kleine Spanne Zeit,
940 Wie's ihm gefällt; lang bleibt er nicht der Götter Herr! -
Doch seh ich dorther seinen raschen Läufer schon,
Des neuen Königs neuen Boten eilig nahn;
Gar neue Dinge kommt er wohl uns kundzutun! -
(Durch die Luft kommt Hermes daher mit dem Heroldstab und Flügelschuhen)
HERMES:
Dir, Ränkespinner, allen allunleidlichster,
945 Der du an den Göttern für der Tagesmenschen Heil
Gefrevelt, frecher Feuerdieb, dir sag ich dies:
Der Vater heißt dich, was du prahlst von einstger Eh,
Und wer vom Thron ihn stürzen würde, kundzutun;
Das alles sollst du sonder Rätsel und Betrug
950 Bestimmt und einfach sagen. Nicht zwiefachen Weg
Laß mich, Prometheus, machen; denn das siehst du wohl,
Zeus wirst du damit nimmermehr besänftigen!
PROMETHEUS:
Vornehm und prunkvoll, stolzen Mutes strotzend, lärmt
Dein Wort, wie freilich dir, dem Götterbuben, ziemt!
Neu herrschet ihr Neulinge und gedenket schon
Gramlos in goldner Burg zu schwelgen! Hab denn ich
Nicht dort hinab schon zween Herrscher stürzen sehn?
An diesem dritten, deinem Herrn, seh ich es bald
Geschehn, am schnellsten, schmählichsten - oder wähnest du,
Den neuen Göttern zittert ich und beugt ich mich?
Dran fehlet viel und alles! Du nun aber magst
Desselben Weges, den du kamst, heimeilen; denn
Von jenem allen, was du fragst, erfährst du nichts!
HERMES:
Du weißt, mit diesem Eigensinn hast du dich einst
In diesen Port gelotset deiner bittren Qual!
PROMETHEUS:
Mit deinem Frondienst möcht ich dies mein Jammerlos,
Daß du es weißest, nimmermehr vertauschen; nein,
Mir ist es süßer, diesem Fels fronbar zu sein
Denn so dem Vater Zeus ein Bote treu und fein!
So muß getrotzt sein gegen euch Alltrotzende!
HERMES:
Behaglich scheint es dir in deinem Los zu sein!
PROMETHEUS:
Behaglich? So behaglich möcht ich allzumal
All meine Feinde sehn! Du selbst gehörst dazu!
HERMES:
So wirfst du mir auch Schuld an deinem Leide vor?
PROMETHEUS:
Mit einem Wort, ganz haß ich all und jeden Gott,
So viele froh selbst wider Recht so bös mir tun!
HERMES:
Wohl seh ich, wie du an schwerer Geistzerrüttung krankst.
PROMETHEUS:
Ja, krank, wenn Krankheit seine Feinde hassen heißt!
HERMES:
Du wärest nicht zu ertragen, wenn's dir wohl erging'!
PROMETHEUS:
Ach!
HERMES:
Diesen Laut hat Zeus von dir sonst nicht gekannt!
PROMETHEUS:
Die Zeit, sie lernt und lehret alternd alles Ding!
HERMES:
Du aber hast noch nicht verständig sein gelernt!
PROMETHEUS:
Sonst hätt ich dir, dem Götterknecht, kein Wort gegönnt!
HERMES:
Es scheint, du willst nicht sagen, was dir Zeus gebeut?
PROMETHEUS:
Wohl gar ein Schuldner soll ich vergelten seine Lieb?
HERMES:
Als wär ich ein Kind, so höhnst du mein mit deinem Spott!
PROMETHEUS:
Und bist du ein Kind nicht, und beschränkter als ein Kind,
Dir einzubilden, daß von mir du's hören wirst?
's ist keine Marter, keine List, mit der mich Zeus
Bewegen könnte, das zu offenbaren ihm,
Es sei zuvor denn dieser Fesseln Schmach gelöst!
Darum so fahre nieder sein blitzzuckender Strahl,
Im weißgeflügelten Schneegestöber, im donnernden
Erdbeben schwindle, stürze das All rings wild gemischt,
Er soll mich doch nicht beugen, je ihm kundzutun,
Wer ihn hinab einst stürzt von seinem Königtum!
HERMES:
Bedenk, ob dies dir je zum Heil gereichen kann!
PROMETHEUS:
Längst schon bedacht und festbeschlossen hab ich so!
HERMES:
So wag es, Unglückselger, wag es endlich doch,
Des eignen Elends Fülle ganz zu überschaun!
PROMETHEUS:
Du machst mir Ekel mit der Worte leerem Schwall!
Das komme niemals dir in den Sinn, daß ich in Angst
Um Zeus' Belieben weibisch feig gebärden mich,
Anflehen könnte jenen Allhaßwürdigen
Mit weiberhaftem, armemporgehobnem Flehn,
Zu befrein mich dieser Banden! Nun und nimmermehr!
HERMES:
Zu sprechen schein ich viel vergeblich und umsonst;
Denn dich besänftigt, denn dich rühret nimmermehr
Mein Flehn; den Zügel gleich dem junggezäumten Roß
1010 Zerknirschend, reißend bäumst du wild dich noch im Joch.
Und doch - mit der Ohnmacht Stolz berühmst, betäubst du dich!
Denn Eigensinn kann ohn Verständigkeit und Maß
Für sich allein niemandes Meister sein im Streit.
Bedenke, wenn du meinen Worten nicht gehorchst,
1015 Welch ein Orkan dich, welcher Qualen Brandung dich
Fluchtlos zerschmettert. Denn es wird dies Felsgeklüft
Mit seinen Donnern, mit des Wetterstrahles Keil
Des Vaters Zorn zerreißen, deinen eignen Leib
Versenken, rings umschlossen von des Gesteines Arm.
1020 Wenn dann der Zeiten weites Maß vollendet ist,
So kommst du aufwärts an das Licht; es wird dir dann
Zeus' flügelwilder, mächtger Aar in heißer Gier
Zerfleischen deines Leibes großes Trümmerfeld,
Wird Gast dir ungeladen, Gast den langen Tag,
1025 Ausweiden deiner schwarzbenagten Leber Rest.
Und dieser Mühsal Heil erwart dir nimmermehr,
Es erscheine dir als deiner Qual Vertreter denn
Ein Gott, bereit, hinabzusteigen in die Nacht
Des Hades, ins grabdunkle Reich des Tartaros!
1030 Demnach bedenk dich; denn erdichtet keineswegs
Ist diese Drohung, sondern nur zu ernst gemeint.
Denn Lügen reden, das versteht Zeus' heilger Mund
Nicht, sondern all sein Wort erfüllt er; aber du
Betracht es, überleg es dir und halte nicht
1035 Den Eigensinn mehr besser als Besonnenheit! -
CHOR:
Uns scheinet Hermes wahrlich kein unzeitig Wort
Zu sagen; denn er riet dir an, den Eigensinn
Zu lassen, dich zu wenden zur Besonnenheit;
Folg ihm, denn unrecht handeln ist den Weisen Schmach.
PROMETHEUS:
1040 Was zuvor ich bereits längst wußte, das tatst
Du als Bote mir kund! Von dem Feinde der Feind
Solch Leid zu empfahn, das entehrt niemals!
So fahr auf mich zweischneidig des Zorns
Haarsträubender Blitz denn herab, und die Luft,
1045 Sie zerreiße vom Krachen des Donners, vom Krampf
Des empörten Orkans, und die Erde zerwühl
In den Tiefen, empor von den Wurzeln, der Sturm;
Es vermische gepeitscht in verwilderter Wut
Sich die heulende See mit der schweigenden Bahn
1050 Der Gestirne; hinab in die ewige Nacht,
In den Tartaros stürze zerschmettert der Leib
Mit des Schicksals reißendem Strudel hinab -
Doch töten kann er mich nimmer!
HERMES:
Wie der Geist, wie das Wort sich verkehrt, wenn ein Wahn
1055 Die Gedanken verstört, das zeiget sich hier.
Was bleibet ihm fremd denn des Wahnsinns noch?
Und trifft es ihn jetzt, wie vergäß er der Wut?
Doch ihr, die ihr tief sein qualvoll Los
Mitfühlt und beweint, geht, Mädchen, hinweg
1060 Aus diesem Bereich, flieht ferne, damit
Das Bewußtsein euch nicht schwinde, betäubt
Vom unendlichen Krachen des Donners!
CHORFÜHRERIN:
Find besseren Rat und ermahne mich so,
Wie ich folgen dir kann; denn es ist in der Tat
1065 Unerträglich der Rat, der verführen mich soll!
Wie gebietest du mir, mich der Schande zu weihn?
Nein, dulden mit ihm will ich sein Los;
Denn ich habe Verräter zu hassen gelernt,
Und ich weiß kein Gift,
1070 Mir mehr denn dieses verächtlich!
HERMES:
Wohl denn; was ich jetzt euch sage, bedenkt!
Wenn der lärmenden Jagd ihr des Jammers erliegt,
Klagt euer Geschick nicht an, sagt nie,
Euch habe so Zeus unerwartet hinab
1075 Ins Verderben gestürzt; denn wissentlich seid,
Nicht eilig verlockt, nicht heimlich umgarnt,
Ins unendliche Netz des Verhängnisses jetzt
Ihr verstrickt durch eure Verblendung! -
(Hermes ab; mächtiges Tosen in der Luft; Erdbeben)
PROMETHEUS:
Schon wird es zur Tat, kein nichtiges Wort!
1080 Es erbebet die Erd,
Und es zuckt und es zischt wild, Blitz auf Blitz,
Sein Flammengeschoß, aufwirbeln den Staub
Windstöße; daher rast allseits Sturm,
Wie im Taumel gejagt; ineinander gestürzt
1085 Mit des Aufruhrs Wut, mit Orkanes Geheul,
Ineinander gepeitscht, stürzt Himmel und Meer! -
Und solch ein Gericht, es umtost, es umschlingt
Mich, von Zeus mir gesandt, mich zu schrecken mit Graun! -
O heilige Mutter, o Äther, des all-
1090 Heilspendenden Lichts allheilige Bahn,
Seht, welch Unrecht ich erdulde! -
(Prometheus' Felsen verschlingt ein Abgrund)
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Ende. |