| Griechische Mythologie - Schauplätze | ||
(heute Mikra Dilos) Die kleine (3,6 qkm) Granitinsel im Ägäischen Meer gehört zur griechischen Inselgruppe der Zykladen (Kreisinseln) und war einst deren Mittelpunkt. Von den einst zahlreichen Tempeln des mamorstrotzenden Delos sind leider nur wenige Reste vorhanden.
Frühe Siedlung läßt sich auf dem Kynthos, dem Berg der Insel, schon aus dem dritten vorchristlichen Jahrtausend nachweisen. Die Verehrung des Apollon und die Gründung des Heiligtums wird für den Anfang des ersten Jahrtausends (v.) angesetzt.
Der Überlieferung zufolge war Delos der Geburtsort der Göttin Artemis sowie des Apollon, dem Gott des Lichts, der Weisheit und der Dichtkunst, beides Kinder der Leto. Die war mit ihnen von Zeus schwanger, weshalb dessen Gattin Hera sie eifersüchtig verfolgte. Sie schickte ihm den Drachen Python nach und nahm der Erde das Versprechen ab, der Leto keinen Platz für ihre Niederkunft zu gewähren.
Aber der Meergott Poseidon senkte den Wasserspiegel soweit ab, daß die zuvor völlig überschwemmte Insel Otygia teilweise trockenfiel.
Leto, die sich sicherheitshalber noch in eine Wachtel verwandelt hatte, fand so unter einer Palme ihren Platz und die Erde hatte ihren Schwur gehalten. Zuerst kam die Artemis zur Welt, die sogleich ihrer Mutter dabei behilflich war, den Apollo zu gebären. Zusätzlich lärmten die bereits bei der Geburt des Zeus bewährten Kureten, so daß diese Ereignisse vor der Hera verborgen blieben.
Dieser Teil ist die Insel Delos, der genaue Geburtsort der Berg Kynthos (lat. Cynthus), weshalb Artemis den Beinamen Kynthia hat, Apollon auch Kynthius heißt.
Darum galt den alten Griechen die Insel als heilig. Seit dem 9. Jahrhundert vor war hier für gut ein Jahrtausend kulturelles Zentrum. Hier befand sich in der Antike auch eine Hauptverehrungsstätte der Artemis. Der Tempel des Apollo war das Bundesheiligtum der ionischen Seestaaten, im 5. Jahrhundert vor Sitz des Attischen Seebundes.
Ein weiterer, vom oben nachgezeichneten unabhängiger Mythos berichtet, daß die Morgenröte Eos den Orion nach Delos entführte.
Ausgrabungen auf Delos durch französische Archäologen seit 1873 erbrachten wertvolle Funde, darunter Teile mehrerer Apollon-Tempel. Den größten davon errichteten die Delier selbst im Jahre 476 v., den Zuweg zierten eine Reihe von Statuen. Im Osten liegt das langgestreckte Stierheiligtum, der sich nach Westen hin die Antigonos-Stoa anschließt. Im Nordwesten befinden sich die Reste eines ionischen Artemis-Tempels mit dem Grab der zwei hyperboreischen Jungfrauen (Apollo pflegte die Wintermonate bei den Hyperboreern zu verbringen); am anderen Ende des Heiligen Bezirks liegt der kreisrunde See, an dessen Ufer Leto niedergekommen sein soll.
Nahe bei ist die berühmte Löwenallee oder Terrasse der Löwen mit fünf (recht schlank ausgeführten) Löwenstatuen aus naxischem Marmor, eine sechste verbrachte man nach Venedig. Die Löwen hatten einst die Leute von Naxos als Weihgeschenk gestiftet.
Vom Berg Kynthos auf Delos aus kann man die Berge von Rhenea (Insel Mikonos) sehen. Hinter dem einem Gipfel geht die Sonne zur Winter-, hinter dem benachbarten zweiten Gipfel zur Sommersonnenwende unter.
Auf Delos soll Theseus auf der Rückfahrt von Kreta (nachdem er dort den Minotauros besiegt hatte) nach Athen einen Kranich (griech. Geranos) genannten Reigen eingeführt haben. Diesen den Gängen des Labyrinths auf Kreta nachempfundenen Tanz hatte er von seiner Geliebten, der kretischen Königstochter Ariadne, die ihn ihrerseits vom berühmten Handwerker und Erfinder Daidalos erlernt hatte. Ein von Daidalos gefertigtes Bild dieses bereits bei HOMER erwähnten Reigens der Ariadne (Illias 18.590ff.) fand sich nach PAUSANIAS in Knossos auf Kreta (Böotien 40,3).
Der Boden der Insel galt für derart heilig, daß hier niemand geboren werden oder sterben durfte. Tote wurden auf der benachbarten Friedhofsinsel Rhenia bestattet, Funde von dort befinden sich im archäologischen Museum von Mykonos.
In klassischer Zeit entfernte man sogar die vorhandenen Grabstätten. Dabei machte man, wie Thukyidides feststellte, die Entdeckung, daß ein Großteil der Toten nach karischer Weise bestattet waren — ein Hinweis auf frühere Besiedlung der Insel durch die Karer.
Delos entwickelte sich im 3. vorchristlichen Jahrhundert zum Freihafen und wichtigem Handelsstützpunkt. Zahlreiche ausländische Kulte gelangten in diesem Zeitalter des Hellenismus mit den Seeleuten auf die Insel, weshalb hier besonders viele fremde Götter ihre Verehrungsstätte hatten. Auf der Terasse der fremden Götter stehen noch ein Tempel des Serapis und eine leider kopflose Statue der Isis.
Vom Wohlstand zeugt ein Theater mit einst 5.500 Plätzen, Kaufleute opferten auf der Agora der Kompitalisten den Lares Compitales. Einige Mosaiken sind aus Villen der Wohlhabenden erhalten.
Im ersten Jahrhundert v. wurde Delos von Seeräubern geplündert und die Tempel schwer in Mitleidenschaft gezogen, später verwendete man die Bausubstanz für neue Bauten, weshalb kaum etwas übrig ist.
Die Orakelstätte auf dem Kynthos wurde zuletzt von Julianus Apostata befragt, der letzter heidnischer Kaiser Roms war, ehe seit dem 25. Dezember 354 erstmals nicht als Fest der Sonne sondern als Fest der Geburt Jesu Christi gefeiert wurde (BAMM, 295).
Die Natur selbst läßt aber noch immer erahnen, weshalb die Griechen auf dieser Insel im blauen Meer den Apollo, den Gott des Lichts, besonders verehrten.