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| Griechische Mythologie | |
Dieser größte aller griechischen Sänger war der Überlieferung nach ein Heros aus Pempleia in Thrakien. Er personifiziert die Macht der Musik und der den Tod überwindenden Liebe.
Orpheus bezauberte mit seinem Gesang und süßestem Leierspiel Menschen und Tiere, Bäume und Steine. Als seine Frau stirbt, bewegt seine Musik sogar den Hades, die Verstorbene freizugeben.
Der Name Orpheus wird verschieden gedeutet, jedenfalls ist er nicht griechisch. So soll er vom arabischen Wort arif (gelehrt) hergeleitet sein, vom hebräischen rapha (Arzt) oder von osarsiph, was speculator solis, Sonnenbeobachter bedeute und ein Name des biblischen Mose sein soll (HEDERICH, 1809f.).
Orpheus gilt als Sohn des Gottes Apollo und der Muse Kalliope. Oder sein Vater war der König und Flußgott Oeagros, die Mutter Kalliope oder Polyhymnia. Als Mütter werden auch die Menippe und die Thamyris genannt.
Herangewachsen verließ Orpheus das elterliche Haus und begab sich nach Ägypten, wo er sich in Theologie und Sternenkunde bildete. Dabei entdeckte er die Harmonie der Sphären und auch, daß der Mond bewohnt sei. Außer diesen erwarb er auch in der Arzneikunst, insbesondere der Kräuterkunde, Gelehrsamkeit und galt den Griechen als Erfinder der Wissenschaften überhaupt, der auch die Schrift erfunden habe.
Am wunderbarsten war seine Sangeskunst. Vom Gott Apollo empfing er die siebenseitige Leier (Phorminx), die er um zwei Saiten erweiterte und als erster begann, zu ihrem Klang zu singen, während zuvor nur die Begleitung durch Flötenspiel üblich war. In der Dichtung gilt Orpheus als Erfinder des Versmaßes Hexameter.
Orpheus lehrte er nicht allein Wissenschaften und Künste, er führte auch den Dionysos-Kult ein und unterwies die Menschen darin, die Götter nach begangenen Verbrechen zu versöhnen.
Orpheus nahm an der Fahrt der Argonauten teil, wobei er mit seinem bezaubernden Leierspiel eine wertvolle Hilfe war. So bewirkte seine Musik, daß das Schiff Argo in See stechen konnte. Orpheus beschwor die Argonauten, geschlossen ihrem Führer Jason zu folgen und ihm gelang es, den Toten Cyzikus und später den Absyrtus zu versöhnen und besänftigte so auch die auf die Argonauten zornige Göttin Rhea.
Dank seiner Leier gelang es, die Symplegaden zu durchfahren und am Ziel der Reise beschwor er die Göttin Hekate, die das Tor zum Hain öffnete, worin sich das Goldene Vlies befand. Dies bewachte ein Drache, der von der Musik des Orpheus einschlief. Auf der Rückfahrt war es dem Leierspiel zu verdanken, daß die Argonauten die Sirenen passieren konnte.
Zurück in Thrakien kehrte Orpheus in die von ihm bewohnte Höhle zurück, die Stätte seiner Geburt und seine Wohnung war.
Die geliebte Gattin des Orpheus war die Nymphe Eurydike. Als die durch den Biß einer Schlange starb und in den Tartaros verschied, folgte Orpheus ihr und stieg im kaenarische Vorgebirge in die Unterwelt herab. Hier erreicht er mit seinem bewegenden Gesang von dem Herrscherpaar der Unterwelt, Hades und Persephone, daß er Eurydike mit zurück ins Leben nehmen dürfe.
Während er so zum Klang seiner Saiten sang, begannen die blutlosen Seelen zu weinen,
Tantalos schnappte nicht nach dem entweichenden Wasser,
Ixions rad stand still,
an des Tityos Leib hackten nicht mehr die Geier,
keine Krüge trugen die Danaiden
und du, Sisyphus, ruhtest auf dem Felsblock aus.
(Ovid, Metamorphosen X.40-52)
Allerdings hatte er auf dem Rückweg seiner Gattin voranzugehen und durfte sich nicht ein einziges Mal zu ihr umsehen. Geführt vom Klang seiner Leier folgte Eurydike dem Orpheus durch die finsteren Gänge des Tartaros, doch bevor beide aus der Unterwelt gelangten, drehte sich Orpheus nach seiner Gemahlin um und verlor Eurydike so für immer.
Dieser Mythos ist offensichtlich erheblich jünger als die Geschichte mit den Argonauten, da Hades und Persephone einem Göttergeschlecht angehören, das der oben erwähnten Rhea nach dem Sturz des Kronos durch Zeus folgte (siehe auch Griechische Götter und Olympioi).
Ob der Sohn des Orpheus, Methon, die Eurydike zur Mutter hatte, bleibt unklar.
Über den Tod des Orpheus gibt es verschiedene Berichte. Entweder hatte er sich selbst das Leben genommen, als er Eurydike endgültig verloren hatte oder er starb eines gewaltsamen Todes. Zeus soll ihn mit seinem Blitz erschlagen haben, um Orpheus dafür zu bestrafen, daß er die Geheimnisse der Einweihung entdeckt habe. Oder ihn töteten die Frauen seiner thrakischen Heimat, entweder, weil er ihnen die Männer abspenstig machte oder weil alle thrakischen Frauen den Orpheus begehrten und ihn in Stücke rissen. Dies geschah auf Anstiften der Aphrodite, weil seine Mutter Kalliope den Adonis nicht ihr sondern der Persephone zugesprochen hatte. Oder Orpheus wurde von den rasenden Mänaden auf Anstiften des Dionysos zerissen, weil Orpheus dessen Dienst aufgegeben hatte bzw. weil er in der Unterwelt allein den Dionysos zu besingen vergessen hatte. Diese Mänaden wurden später von Apollo zur Strafe ihrer Tat in Bäume verwandelt.
Man erzählt es auch so, daß die vom schönen Klang der Musik betörten wilden Tiere, Pflanzen und Steine harmonisch um Orpheus herum gestanden hätten. Da kamen die Frauen hinzu, übertönten die Musik des Orpheus durch das Getöse eines mißtönenden Horns und brachen damit den Bann. Sogleich fielen die Tiere über einander und den Orpheus her, den sie in Stücke rissen.
Nach Platon fand Orpheus sein Ende, weil die Götter ihn als einen Weichling angesehen hätten, der nicht zu sterben bereit war, um seiner Eurydike zu folgen, sondern versuchte, sein Leben zu behalten. Darum hätten ihm die Götter gar nicht die Eurydike sondern bloß ihren Schatten folgen lassen und bewegten hernach die Frauen dazu, den Sänger zu zerreißen.
Die Teile des Orpheus zerstreuten die Mänaden auf dem Berg Olympos in Macedonien oder auf dem Pangäus. Die Musen sammelten die Teile ein und bestattenen sie in Lebethrae, die Leier wurde von Zeus als Sternbild an den Himmel versetzte (wenn sie nicht noch eine Zeit im Tempel des Apollo zu Lesbos gehangen hatte, ehe Neranthus sie wegnahm). Kopf und Leier des Orpheus hatten die Mänaden in den Bach Hebrus geworfen, der beide Teile ins Meer schwemmte und der Kopf endlich auf der Insel Lesbos strandete. Eine Schlange, die dort in den angetriebenen Kopf beißen wollte, wurde von Apollo in einen Stein verwandelt und der Kopf von den Lesbiern gefunden, die ihn bestatteten und davon ihre besonderen musikalischen Künste erlangten. Aus der Grabstätte entwickelte sich eine Orakelstätte, die erheblichen Zulauf hatte und zeitweilig sogar beliebter als das Orakel des Apollo zu Delphi war.
Eine andere Geschichte vom Verbleib berichtet, daß Orpheus und seine Anhänger im Begriff waren, ihre Orgie zu begehen, als sie von den Frauen überfallen und getötet wurde. Als kurz drauf eine Pest das Land schlug, ergab die Befragung des Apollo, daß der Gott über die Mordtat erzürnt war, die Pest aber aufhöre, wenn der Kopf ordnungsgemäß bestattet würde. Als man den fand, war der noch frisch und sang sogar noch. Über der Grabstätte wurde ein Tempel errichtet, den nur Männer betreten durften.
Über den Ort des Grabes gibt es verschiedene Angaben. Es soll sich bei Libethra befunden haben. Einer Weissagung zufolge sollte die Stadt von einem Schwein zerstört werden, wenn die Knochen des Orpheus von der Sonne beschienen würden.
Eines Tages ruhte in der Mittagshitze ein Hirt am Grab des verblichenen Sängers und begann im Schlaf die Lieder des Orpheus zu singen. Das erregte die Aufmerksamkeit der anderen Hirten, die sich um den singenden versammelten und möglichst nah an ihn drängten. Im Gerangel stürtze die Grabsäule um und die Urne mit den Knochen zerbrach, so daß die Sonnenstrahlen dessen Inhalt trafen. In der folgenden Nacht begann der nahe der Stadt Libethra fließende Bach Sys (Zys), dessen Name Schwein bedeutet, anzuschwellen und schwemmte den Ort hinweg. Die Gebeine des Orpheus spülte Sys nach Dium.
Häufig ist Orpheus mit seiner Leier abgebildet, auf dem Haupt trägt er die Tiara. Beliebte Motive sind Orpheus mit ihm lauschenden Tieren oder die Geschehnisse um seinen Abstieg in den Tartaros.
Es ist durchaus möglich, daß Orpheus eine tatsächliche historische Figur ist, die um das Jahr der Welt 2700 (~1200 v., als Geburtsjahr wird auch 1399 v. angegeben) als Zeitgenosse des biblischen Richters Thola gelebt haben soll. Weiter identifizieren ihn einige als Mose, andere als König David oder Henoch (siehe HEDERICH, 1818f.). Die dem Orpheus zugeschriebenen Dichtungen, besonders die Argonautica und die Hymni, sollen aber in jedem Falle von anderen Menschen stammen. Manches spricht dafür, daß es mehrere Gestalten dieses Namens gegeben haben könnte oder daß Orpheus kein Name, sondern ein Titel war.
Auf Orpheus als ihren Begründer bezieht sich die religiöse Bewegung der Orphik.
Auf das dem Orpheus zugeschriebene Lehrgericht Lithika soll die Lithotherapie, die Heilweise mit Steinen, zurückgehen (SCHRÖDTER, 41, siehe Edelsteine).