| Jerusalem | ||
(arab. Haram esch-Scharif) Kultisches Zentrum Jerusalems ist der große Platz auf dem Tempelberg. Auf dieser von Menschenhand eingeebneten Fläche standen die berühmten Tempel des alten Judentums, hier im Tempel wirkte Jesus Christus, von hier aus ritt der Prophet Mohammed in den Himmel.
Bereits in vorisraelitischer Zeit war dieser Platz eine Stätte besonderer Heiligkeit.
Nachdem David um 1000v. die Stämme Israels geeint und Jerusalem erobert hatte, residierte er dortselbst. Salomo, Nachfolger Davids auf dem Königsthron, führte das Vorhaben eines Tempelbaus aus (1. Könige 6-8). Dieser Tempel soll damals das größte von Menschen erbaute Heiligtum überhaupt gewesen sein.
Dieser erste israelitische Tempel in Jerusalem wurde 587v. zerstört, als die Babylonier unter Nebukadnezar in den von ihnen besetzten Gebieten Aufstände bekämpften. Nach der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft konnte aber von 520-516 v. Chr. mit Hilfe Serubabels ein neues, etwas kleineres Gotteshaus errichtet werden.
Auch dieser Tempel fiel dem Kriege zum Opfer. Die Makkabäer erbauten einen weiteren, ehe schließlich der Römer Pompejus in Jerusalem einzog, mit ihm Herodes der Große die Herrschaft über Judäa antrat und hier eine gewaltige Tempelanlage erbauen ließ.
Der beim Volk nicht gerade beliebte Herodes wollte die Erinnerung an seine Vorgänger, die Makkabäer, verblassen und begründete laut Flavius das gewaltige Vorhaben eines Neubaus damit, daß der zweite Tempel wegen der Unterwerfung Israels hatte kleiner ausfallen müssen als der Tempel Salomos. Nun aber, unter seiner Herrschaft, seien die Juden frei und könnten unter Freundschaft Roms den Prachtbau nach eigenem Plan ausführen.
Grundsteinlegung war 20 v. Chr. und nach 46jähriger Bauzeit (Johannes 2,20) war das Werk vollendet.
Einer der Besucher dieses Tempels war Jesus, den besonders das weltliche Treiben empörte und der darum forsch gegen die Händler und Wechsler vorging und von nun an täglich dort lehrte, damit das Mißfallen der Hohen Priesterschaft erregend (Matthäus 21,12-16, Markus 11,15-18, Lukas 19,45-48, Johannes 2,13-16).
Der Tempel des Herodes wurde zwar schon 70 n. Chr. zerstört, der Wunsch des Herodes, sein Name möge auf Dauer mit dem Bauwerk verknüpft bleiben, ging aber in Erfüllung.
Das einzige, was an Bausubstanz vom Tempel erhalten blieb, ist die Klagemauer, einst Teil der westlichen Umfassungsmauer. Die 48m lange und 18m hohe Mauer aus mächtigen Blöcke ist heute wichtigstes jüdisches Heiligtum. Seit 638 (Jahr der Eroberung Jerusalems durch die Araber) ist dieser Ort eine Stätte der Klage über den Verlust des Tempels und Ziel jüdischer Wallfahrt.
Heute beherrscht die große Kuppel der blauen Moschee die Szenerie des Tempelplatzes, der Felsendom, den die Araber Kubbet es-Sachra nennen. Laut einer Inschrift im Innern war der neunte Kalif Abd el-Melik ihr Baumeister (684-691). Auch dieses Gebäude blickt auf wechselvolle Geschichte zurück. Bereits einer der Nachfolger des Kalifen suchte dessen Ruhm auf sich zu übertragen und statt dessen Namen den eigenen einmeißeln. Die Franken nannten das Bauwerk Omar-Moschee und schufen damit die noch heute verbreitete, irreführende Benennung. Als siegreiche Kreuzfahrer wandelten sie die Moschee in einen christllichen Templum Domini um. Im Inneren des Gebäudes, wo der nackte Fels zu Tage tritt und wo wohl einst der Brandopferaltar war, von wo Mohammed seine Himmelfahrt antrat und wo am Tag des Gerichts der Thron des Herrn stehen soll, erbauten die Kreuzfahrer eine Plattform mit Kreuz und Altar. Diese Decke ließ Saladin nach seiner Eroberung Jerusalems 1187 wieder entfernen. Der Felsendom wurde wieder Moschee und ist nach Mekka zweitgrößtes Heiligtum des Islam.
Mit dem offen liegendem Fels hat es noch weitere Bewandnis. Es heißt, das Gestein sei Mohammed auf seinem Himmelsritt ein Stück gefolgt und schwebt seitdem in der Luft. Darunter befindet sich eine Grotte, die die Altare des Abraham, des Elias, des David und des Salomo berge.
An der Nordwestecke der Moschee steht der Richterstuhl Mohammeds, den drei von einem Architrav gekrönte Säulen bilden. Von seiner Zinne aus sollen sich am jüngsten Tag die Waagschalen herabsenken, auf der sich die Seelen der Toten befinden. Diese werden zuvor über eine Brücke gekommen sein, die aus einem einzigen Pferdehaar besteht und den Ölberg mit dem Richterstuhl verbinden wird. (HEDIN, 156.)
Südlich der Mauer befinden sich Überbleibsel eines alten Tempels, der von Justinian zu einer Basilika der Mutter Gottes und von Omar zur Mesdschid el-Aksa-Moschee (die von Mekka am meisten entfernte) umgebaut wurde. Diese steht an jener Stelle, wohin Gott den Mohammed von Medina aus in einer einzigen Nacht führte. In dieser Moschee befinden sich zewei eng beieinanderstehende Säulen. Wer sich durch sie hindurchzuzwängen vermag, dem sei das Himmelreich gewiß.
An der Ostmauer steht eine kleine Moschee jüngeren Alters an jener Stelle, wo einst Salomo sich zum Sterben versteckte, damit die von ihm beherrschten Dämonen den Tod ihres Meisters nicht bemerkten. Erst als Gewürm den Stock zernagt hatte, auf den Salomo sich zuletzt gestützt hatte, fiel der Leichnam in sich zusammen.
Das Terrain birgt nach wie vor höchstes Konfliktpotential. So gilt der Besuch des damaligen israelischen Oppositionsführers und späteren Ministerpräsidenten Ariel Sharon im September 2000 als auslösendes Moment der El-Aksa-Intifada, da die Palästinenser sich von diesem Schritt provoziert fühlten.
Der Tempelberg ist ein von Höhlungen und Stollen durchzogenes Gelände, da die Baumeister vor Jahrtausenden die Kuppe erst einebnen mußten und dabei Hohlwege und Senken teils verfüllten, teils zu Katakomben ausbauten.
Verständlich, daß in diesen Verliesen allerlei Geheimnisse vermutet werden. Beispielsweise sucht mancher hier die verschollene Bundeslade und die heiligen Gefäße des alten Tempels, auch der Heilige Gral soll hier noch zu finden sein, wenn nicht doch die Tempelritter ihn fortgeschafft haben.
Leider macht die gewalttätige und von gegenseitigem Mißtrauen vergiftete Lage in Nahost eine gründliche Erforschung des Tempelbergs unmöglich. Allerdings dürften sich aus religiösen Erwägungen dort auch in friedlichen Zeiten ungehemmte Grabungsarbeiten verbieten.
Der Text folgt im wesentlichen und wo nicht anders vermerkt HEDIN, 149-162.